9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Heute ist davon nichts übrig geblieben

26.08.2026. In der NZZ erzählt der russische Journalist Andrei Kolesnikow, wie wenig Perspektiven jungen Russen inzwischen noch bleiben. Der Guardian beobachtet, wie sehr sich das polnisch-ukrainische Verhältnis schon wieder abgekühlt hat. In der Jüdischen Allgemeinen empfiehlt Götz Aly, alle Subventionen zu kürzen, um von oben nach unten umzuverteilen. Alle 30 Minuten stirbt ein Mensch im Osten der Demokratischen Republik Kongo an Ebola, berichtet die SZ.  Das Russische Haus in Berlin steht im Verdacht, vom Kreml für Spionage genutzt zu werden: Der Tagesspiegel überlegt, welche Auswirkungen Sanktionen auf das Goethe-Institut in Moskau hätten. 

Das bessere System denkt länger nach

25.08.2026. Wie umgehen mit Rechten? Eine Integration ins politische System bringt jedenfalls nichts, warnen in der SZ Gustav Seibt und die Sozialpsychologin Beate Küpper, denn zerlegt werden nur die Parteien, die sich mit ihnen einlassen. Derweil plädiert Frauke Brosius-Gersdorf im Tagesspiegel dafür, dass alle Fraktionen im Bundestag ein Vorschlagsrecht für Bundesverfassungsrichter bekommen. In der Welt warnt Rüdiger Safranski vor einer Machtergreifung durch KI - das dauert aber noch, winkt in der FAZ der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl ab.

Maßlose Erlösungsversprechen

24.08.2026. In der FAZ blickt der Historiker Moritz Fischer auf die Geschichte der Parteiverbotsverfahren in der Bundesrepublik und meint: Die Prinzipien der wehrhaften Demokratie wurden zugunsten der liberalen Demokratie abgeschwächt. Im Guardian befürchtet Timothy Garton Ash ein "KI-Hiroshima". Die NZZ erklärt, warum Tschechien gerade wegen seiner Israel-Solidarität EU-Sanktionen gegen den Rechtsextremen Itamar Ben Gvir nicht blockieren sollte. Bei Zeit Online sorgt sich der ehemalige ZDF-Chefredakteur Peter Frey mit Blick auf den Geschichtsrevisionismus der AfD um die deutsche Erinnerungskultur

Dialog zwischen Morgen- und Abendland

22.08.2026. Den Osten als undankbares Kind zu behandeln, greift zu kurz, erklärt in der FAS der Soziologe Steffen Mau, denn der Westen profitierte erheblich von der Wende. Der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Magnus Brechtken, hält auch in der FAS dagegen: Schuld an der Misere des Ostens ist nicht der Westen, sondern die DDR. Im FR-Gespräch will der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty dem Klimawandel mit einer Milliardärssteuer beikommen. Die taz erinnert daran, welche Wunder sich Michel Foucault von der iranischen Revolution erhoffte. 

An einer roten Ampel

21.08.2026. Russland tötet systematisch Zivilisten, und es attackiert systematisch die ukrainische Kultur, stellt der Tagesspiegel fest. Der entlassene Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow ruft unterdessen laut SZ zu Neuwahlen in der Ukraine auf. Was russische Kultur ausmacht, wird jetzt im Ausland von Exilanten definiert, sagte Irina Scherbakowa bei den "Tagen des Exils". Berlin ist zwar nicht mehr arm, aber auch nicht mehr sexy, stellt die FAZ fest. 

Wirres Netz von Zusammenhängen

20.08.2026. Der Rechtsphilosoph Uwe Volkmann wundert sich in der FAZ, wie wenig die Befürworter eines AfD-Verbotsverfahrens über die Folgen eines Sieges nachdenken. Der Historiker Volker Weiß warnt in der SZ: Die DDR-Folklore der AfD ist fake. Im Tagesspiegel erklärt der Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel, warum er den Begriff des "antimuslimischen Rassismus" nicht benutzt. Die Zeit sieht in der Affäre Jason Arday vor allem einen Schuldigen: die Universität Cambridge.

Diverse Iterationen von KI-Jesus

19.08.2026. Die Aufregung um das Spiegel-Cover über Ulrich Siegmund zeigt vor allem wie ratlos alle dem Aufstieg der AfD gegenüberstehen, meint ein deprimierter Claus Leggewie in der FR. Die SZ feiert Alexandria Ocasio-Cortez als das neue Gesicht von "Woke 2.0". Morddrohungen des israelischen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir sorgen für Empörung. Die Arday-Tragödie entwickelt sich zu einem bizarren Kulturkampf. Und: KI ist jetzt Gott, lernt die FAZ.

Menschen bieten zu viel

18.08.2026. Dreht sich der Ukraine-Krieg erneut zu Ungunsten der Ukraine? Der Militärhistoriker Alexander Gogun beziffert in der taz die vielen Toten der letzten Monate - und den Bevölkerungsschwund im Land. In Russland wird unterdessen der letzte Oppositionelle, Lew Schlosberg, für zwölf Jahre eingekerkert - Mediazona druckt seine Rede vor Gericht. Der Rechtspopulismus entzaubert sich, sobald er an der Regierung ist - sollte man ihn also lassen, fragt der britische Schriftsteller David Szalay in der NZZ. Mit Staunen versenkt sich der Spectator in das "islamische Kurrikulum" an der Uni Cambridge.

Rasse, Klasse, Snobismus, Wokeness

17.08.2026. In der FAZ schreibt Ines Geipel über die ungeheuer massive Tradition des Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt, die bis in die DDR zurückreicht. In der SZ wirft Marieke Reimann den demokratischen Parteien vor, die Wähler im Osten nicht richtig anzusprechen. In Zeit online fragt der belarussische Autor Viktor Martinowitsch: "Wenn niemand mehr an das Gute glaubt, was ist damit gewonnen?" Der Fall Jason Arday beschäftigt die Medien weiter.

Lücken im Fossilienbestand

15.08.2026. Die NSDAP ist in der Weimarer Republik mehrfach verboten worden, erinnert Heinrich August Winkler in der FR. Auch wenn die Situation heute nicht vergleichbar ist, rät Winkler dringend von der Idee eines AfD-Verbots ab. Ebenfalls in der FR malt Kai Langer von der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt die Folgen eines AfD-Siegs in dem Land aus. Der Cambridger Soziologe Jason Arday, über dessen Plagiate und Lebensgeschichte in den letzten Wochen weltweit gestritten wurde, ist tot aufgefunden worden, meldet unter anderem der Guardian. An der Uni Cambridge, der Uni Darwins, wird heute auch "Kreationismus"  gelehrt, enthüllt Richard Dawkins auf Twitter.