9punkt - Die Debattenrundschau

Neue patriotische Tourismuskonzepte

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.09.2026. It's the Culture, Stupid! Morgen sind Wahlen in Sachsen-Anhalt. FAZ und FR befassen sich mit dem Kulturprogramm der AfD - es ist ein Graus. taz und SZ erinnern an den 11. September, aber der Islamismus und die Verwüstungen, die er seitdem anrichtete, sind kein Thema. In der FAS fragt Ronya Othmann: Von wem ist die Rede, wenn der "Globale Süden" beschworen wird (und von wem eher nicht so).
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2026 finden Sie hier

Europa

It's the Culture, Stupid. Morgen sind die allseits befürchteten Wahlen in Sachsen-Anhalt. Außer Kultur und Geschichte hat das Land nicht viel zu bieten. Der historisch-kulturelle Rang des Landstrichs erklärt sich aus zwei Faktoren, erklärt Reinhard Bingener in einem interessanten FAZ-Essay: Den Schwarzerden der Magdeburger Börde und der zentralen Lage an Kreuzungspunkten der deutschen Geschichte. Eine Menge für die Propaganda nutzbarer deutscher Recken sind mit dem Land verbunden von Otto und Heinrich über Luther und Clausewitz bis Nietzsche und Bismarck. Bingener spricht mit dem Landeskonservator Harald Meller, der klarmacht, wie diese Figuen im 19. Jahrhundert für eine künstliche Nationalgeschichte präpariert wurden - mit Fortsetzungen in die Nazizeit und zur AfD, die explizit "durch neue patriotische Tourismuskonzepte, die Vergabe von Preisen und die Durchführung von Gedenkveranstaltungen" dieses nutzbar machen will. Bingener malt ein paar denkbare Gedenkveranstaltungen an die Wand, die die AfD glatt auf Ideen bringen könnten. Man "könnte beispielsweise eine große Tagung mit russischen Historikern zur Konvention von Tauroggen im Jahr 1812 veranstalten. Der in Burg bei Magdeburg geborene Militärtheoretiker Carl von Clausewitz nahm damals als russischer Unterhändler teil. Oder es ließe sich eine Vortragsreihe auflegen, um den in Röcken geborenen Philosophen Friedrich Nietzsche den deutenden Fängen der französischen Denker der Postmoderne zu entwinden und stattdessen wieder stärker Nietzsches Wirkungsgeschichte in Deutschland in den Mittelpunkt zu rücken."

Auch Christian Thomas befasst sich in der FR mit dem reaktionären, ja revisionistischen Kulturprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt: "Auffällig jedenfalls, wie sehr sich die AfD in ihrem Kulturprogramm kriegerischen Hinterlassenschaften zuwendet. Sich etwa für die Pflege von Kriegerdenkmälern stark macht, jedoch gleichzeitig gegen die wissenschaftliche, politische und zivilgesellschaftliche Beschäftigung mit dem Kolonialismus verwahrt: 'Besonders absurd ist dabei die Konstruktion einer kolonialen Schuld.' Für das Andenken an die 'Gefallenen der beiden Weltkriege' setzt sich die Partei ein, unter dem Vorzeichen der Ehrung der 'Opfer'. Womit ausdrücklich diejenigen Opfer unerwähnt bleiben, die der deutsche Vernichtungskrieg gegen Russen und Polen, die Eroberungskriege nicht nur gegen Holländer oder Franzosen forderte." Kritisiert wird in den Programmschriften der AfD dann selbstverständlich auch der "Schuldkult": "Ausdrücklich wird in dem AfD-Programm postuliert, 'diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen' zu wollen." Ebenfalls in der FR glaubt die von Hannah Jagemast befragte Politologin Petra Dobner, dass eine in Sachsen-Anhalt regierende AfD nur begrenzte Handlungsspielräume hätte.

Im Tagesspiegel kritisieren die Graft-Architekten in einer "Wutrede" die Ablehnung des Bauhauses durch die AfD: "Das Bauhaus ist ein Meilenstein der geistig-kulturellen Entwicklung Deutschlands, es ist ein Produkt Deutschlands und ein Erkennungsmerkmal Deutschlands. Wenn man dies - wie die AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt - als 'Irrweg der Moderne' bezeichnet, dann bezeichnet man die kulturelle Entwicklung Deutschlands bis zur Nazizeit als Irrweg. Damit ist man entweder vollkommen ahnungslos oder, was eher wahrscheinlich ist: Man kennt sich in deutscher Kultur nicht aus. Oder noch schlimmer: Man hasst diese Kultur, vielleicht sogar Kultur insgesamt. Was aber bedeutet es, wenn man voller Hass großen Teilen der eigenen Kultur gegenübersteht? Kann es sein, dass die AfD gar kein Interesse am wirklichen Deutschland hat? Sollte die Partei anstelle des 'Alternative FÜR Deutschland' nicht eher 'Alternative ZU Deutschland' heißen?"

Der in Bielefeld lehrende Historiker Alexey Tikhomirov beschreibt in einem Essay für die virtuelle Tiefdruckbeilage der FAZ Putins Machttechniken, die sich in einem Punkt vom Vorbild Stalin unterscheiden: Während die Sowjetunion exilierten Dissidenten die Staatsbürgerschaft entzog, belässt Putin sie ihnen, nimmt ihnen aber durch ein neues Gesetz alle Rechte, etwa an Konsulaten. Ihr Eigentum in Russland kann eingezogen werden. Putins Russland "hält seine Gegner als Bürger fest - und kann gerade deshalb auf ihr Eigentum und ihre familiären Bindungen zugreifen. Entrechtung wird zum Hebel der Machtsicherung. In dieser Perspektive lässt sich die Entwicklung Russlands seit 2022 als Revolution von oben verstehen. In der Vision des Totalkrieges wird auch die Gesellschaft zur inneren Front. Putin treibt einen tiefgreifenden Umbau des Verhältnisses zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum voran, in dessen Zentrum die bedingungslose Loyalität zum Staatsoberhaupt steht. Die Logik des permanenten Krieges wird zum Organisationsprinzip der inneren Ordnung: Der Putinismus beansprucht Ewigkeit."

Außerdem: Im SZ-Feuilletonaufmacher wirft Alex Rühle Kanzler Merz vor, den Klimaschutz zu vernachlässigen.
Archiv: Europa

Digitalisierung

KI ist "Gift für die Demokratie", warnen die beiden Aktivisten Clara Helming und Matthias Spielkamp von der NGO "AlgorithmWatch" in einem kleinen Essay für die taz. Und KI schade nicht nur bei missbräuchlichem oder manipulativem Einsatz wie etwa künstlich generierten Fotos, sondern sogar dann, "wenn sie auf ganz alltägliche Weise eingesetzt wird". Einerseits kritisieren die Autoren, dass sich KI-Software wie Googles Gemini aus journalistischen Quellen bedient, was dem Journalismus schade, andereseits kritisieren sie aber auch, dass sie diese Quellen bevorzugt, kombiniert mit der Tendenz, den Fragestellern Honig ums Maul zu schmieren: "Während klare Fehler oft gut zu erkennen sind, gibt es andere Arten, subtil Einfluss zu nehmen, die Risiken bergen: Dazu gehört die Tendenz zur Schmeichelei, also dass generative KI dazu neigt, die explizite oder implizite Meinung der Fragestellenden zu bestätigen. Außerdem bewertet KI Informationen unterschiedlich, je nachdem, welcher Quelle sie zugeordnet werden. Dies führt zum Beispiel dazu, dass Institutionen mit hoher öffentlicher Reputation, etwa Behörden und etablierte Medien, in Antworten begünstigt werden. Während unabhängige oder kritische Stimmen seltener auftauchen."
Archiv: Digitalisierung
Stichwörter: Künstliche Intelligenz

Politik

Die taz bringt zum Jahrestag des 11. September ein ganzes Dossier von Artikeln, die sich zumeist aber nicht mit dem 11. September befassen, sondern mit anderen Entwicklungen, deren Start man im Jahr 2001 datiert. So erinnert Sven Hansen an den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation. Paula Irmschler kritisiert die Popdiven seit dem Jahr 2001, die ihrer Meinung nach sexistische Bilder des weiblichen Körpers propagierten ("heute kriechen Sängerinnen noch immer über die Bühne, angeblich freiwillig"). Konstantin Nowotny schreibt über das Internet und den Aufstieg der Tech-Bros. 

Bei den Artikeln des taz-Dossiers fehlt erstaunlicher Weise ein Text, der die Verwüstungen des Islamismus seit diesem Datum reflektiert, geschweige denn, dass das Verhältnis der Linken zum Islamismus aufgearbeitet würde. Statt dessen schreibt Christian Jakob über die Verschwörungstheorien, die seit dem Datum blühen. Immerhin findet sich darin ein selbstkritischer Blick auf die eigene Zeitung. "Komplexitätsreduktion, Ordnung, Sinn, Zugehörigkeitsgefühl. Sie lassen Kompliziertes weniger bedrohlich erscheinen. Je mehr Menschen Vertrauen in die Institutionen verlieren, desto leichter finden sie in Verschwörungserzählungen die Erklärung für deren vermeintliches Versagen. Wer diese Bedürfnisse bedient, kann äußerst populär werden. Ein prominentes Beispiel bietet etwa die taz-Historie. Deren Mitgründer Mathias Bröckers schrieb auf dem Portal Telepolis ein millionenfach geklicktes 'konspirologisches Tagebuch' über 9/11. Seine daraus entstandenen Bücher wurden Bombenerfolge. Bröckers reiste zur Recherche nicht etwa in die USA, sondern googelte. Das Etikett 'Verschwörungstheoretiker' sei ein Instrument, 'offizielle Narrative' gegen kritische Nachfragen zu schützen, so Bröckers damals. 2002 durfte er in der taz die offizielle 9/11-Darstellung 'grotesk' und 'lachhaft' nennen und raunen, es werde nicht weiter ermittelt, 'weil überall die eigenen Leute dahinterstecken.' Erst 2011, im dritten taz-Interview mit ihm zu dem Thema, wurde er kritischer angegangen." Jan Pfaff thematisiert in einem zweiten Artikel zum direkten Kontext des 11. September die seitdem verschärfte Sicherheitspolitik der Bundesregierung und der Behörden.

Ähnlich wie die taz versagt im Grunde auch die SZ vor dem 11. September. Nichts über Islamismus, nichts über die Verbindung vom 11. September zum 7. Oktober. Statt dessen eine Seite 3-Reportage über Angehörige von Opfern (immerhin), im politischen Teil erzählt Reymer Klüwer, "wie die USA vom Helden zum Wüterich wurden". Im Feuilleton erzählt Jörg Häntzschel, der zur Zeit des Anschlags in New York lebte und ihn mit ansah, beeindruckend über seine Erlebnisse. Aber auch bei ihm ist dann die Reaktion der Amerikaner wichtiger als die Sache selbst: "Die Anschläge hinterließen bei den Amerikanern Angst vor tieffliegenden Flugzeugen, Angst vor Bomben, Angst vor Muslimen. Doch statt zu versuchen, ihnen diese Ängste zu nehmen, mobilisierten Medien und Politik ihr enormes Potenzial. Sie warnten auch deshalb lieber zu viel als zu wenig, um nicht noch einmal unvorbereitet zu erscheinen. Fast täglich wurden Gebäude evakuiert, U-Bahnen gestoppt. Und der freundliche Nachbar, den man eben erst kennengelernt hatte: War er vielleicht ein 'Schläfer', der auf seinen Befehl zum Angriff wartete?"

Verwiesen sei nochmal auf Souad Mekhennets großartigen Artikel über den 11. September in der FAZ (unser Resümee).
Archiv: Politik
Stichwörter: 11. September

Gesellschaft

Frauen haben immer bessere Bildungsabschlüsse, Männer fallen dahinter zurück und fühlen sich dadurch gekränkt, schließen sich möglicherweise der Manosphere an (unsere Resümees), erklärt der Trendforscher Tristan Horx im Welt-Interview mit Julian Theilen. Das zeige sich besonders bei der modernen Partnersuche. "Online-Dating hat den Dating-Frust verstärkt. Man hat so viele Optionen, dass man sich fragt, warum man überhaupt eine nicht ganz perfekte wählen sollte. Junge Männer scheinen mir von dieser Entwicklung ganz besonders betroffen. Die Demütigung führt zu einer Spirale nach unten. Die jungen Männer finden sich dann online mit anderen Männern zusammen, die dasselbe Problem haben. Anfangs geben sie sich vielleicht Tipps, wie man doch noch eine Frau kennenlernen könnte. Doch irgendwann entsteht ein Herden- und Verschwörungsdenken: Da oben gibt es eine kleine Elite von Männern, die uns alle Frauen wegnimmt. In manchen dieser Szenen entsteht so ein enormes Gewaltpotenzial. Allein deshalb sollte man das Problem ernst nehmen."

Wenn, wie es in Pop, Medien und Hollywood so üblich ist, die Opferrolle des "Globalen Südens" (gern mit antisemitischen Akzenten) beschworen wird, fehlen immer ein paar Kleinigkeiten, fällt Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne auf: "Von den rund 40 bis 50 Millionen Kurden, eine der größten Volksgruppen ohne eigenen Staat, deren politische, sprachliche und kulturelle Rechte in der Türkei, in Syrien, im Irak und in Iran bis heute beschnitten werden, liest man in dieser Kollektiv-Beschwörung kein Wort. Auch nicht von den verfolgten Religionsgemeinschaften wie den Jesiden, Drusen, Alawiten, Christen. Man tut gerade so, als gebe es sie nicht."
Archiv: Gesellschaft