9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Effizienter Digitaldino

23.07.2026. Sind Leihmütter überhaupt Mütter? In den USA sind sie nur noch Surrogatträger, berichtet die FAZ. Die größte Sorge für Leihmütter sei nicht, das Kind abgeben zu müssen, sondern es nicht abgeben zu können, informiert die Familientherapeutin Petra Thorn in der Zeit. Weniger Bürokratie für die Wirtschaft, aber mehr Bürokratie für die Armen? Das ist ein autoritärer Staatsumbau, kritisiert der Soziologe Dominik Piétron in der taz. Ähnlich sieht das in der FAZ der Staatsrechtler Friedrich Schoch bei der geplanten Änderung des Informationsfreiheitsgesetzes. In Frankreich fragt Le Point: "Warum stimmen unsere Kinder für Mélenchon?"

Sozusagen ein Businessmodell

22.07.2026. Navid Kermani fordert in seiner Rede zum feierlichen Gelöbnis die Rekruten auf, sich - anders als Bundeskanzler Friedrich Merz - immer ans Grundgesetz zu halten. In der SZ kritisiert die Verfassungsrechtlerin Sophie Schönberger den Graubereich, den die Altparteien bei der öffentlichen Finanzierung von Parteienstiftungen und der politischen Bildungsarbeit geschaffen haben, und den jetzt auch die AfD nutzt. In der New York Times sieht Omer Bartov schon eine Armee entrechteter palästinensischer Sklaven in Gaza die Häuser reicher Amerikaner und Juden putzen. Die taz schildert, wie sich die queere Community zerlegt: Und immer geht es um Israel.

Abstrakte Süd-Süd-Solidarität

21.07.2026. "Man darf Frauen nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen", sagt die verhinderte Bundesverfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf in Zeit online und plädiert darum für eine Zulassung von Leihmutterschaft.  In Le Point staunt Kamel Daoud über eine Rede des burkinischen Junta-Chefs Ibrahim Traoré, der in einer Rede die Geschichte des arabischen Sklavenhandels anprangerte. Die FR blickt auf Jürgen Habermas' Eröffnung des "Historikerstreits" vor vierzig Jahren zurück. Die taz fragt, ob die "Baseballschlägerjahre" in Sachsen-Anhalt je vorübergingen.

Die von uns gemachten Regeln

20.07.2026. Das Vertrauen der Europäer in die Nato war ein Maginot-Linie-Denken, konstatiert Ivan Krastev in der NZZ - aber die Zeit der Kriege war nie vorbei. Der Rücktritt Jens Spahns als Fraktionsvorsitzender der CDU ist richtig, finden die meisten Zeitungen. Der Holocaust lässt sich nicht aus dem Kolonialismus erklären, insistiert Richard Evans in der NZZ. In der SZ erklärt Matthias Brandt seinen Abscheu vor Uwe Steimles Stauffenberg-Vergleichen. Wenn die Nazis bei Sachsens Jugend wieder en vogue sind, liegt das auch am Bildungssystem, sagt die Autorin Manuela Müller im Tagesspiegel.

250, okay?

18.07.2026. Geschichte und Gegenwart lassen sich schwer trennen: Die NZZ beleuchtet den Geschichtsstreit zwischen Polen und der Ukraine, der die Gegenwart der beiden Länder vergiftet. Die FAZ forscht in der Vergangenheit des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic, der sich einst seiner Verdienste um die Belagerung Sarajewos brüstete. Gewiss, Tucker Carlson ist rechts, konzediert die taz, aber hat er bei Israel nicht recht? 

Widerspenstige Objekte

17.07.2026. In allen Zeitungen wird darüber diskutiert, dass sich Jens Spahn im Ausland über die deutschen Gesetze zu Leihmutterschaft hinwegsetzte und sich einen kleinen Sohn zulegte. Politisch hatte er sich selbst dagegen ausgesprochen. Der AfD-Chef von Sachsen-Anhalt wünscht sich eine "neutrale" Berichterstattung - die FAZ antwortet mit einer Art Brief. Zum Mandela-Gedenktag ruft die ausländerfeindliche "March and March" zu weiteren Aktionen gegen Migranten auf, berichtet ebenfalls die FAZ. Das Humboldtforum wird fünf  - so richtig froh ist der Tagesspiegel immer noch nicht damit.

Freiheit gilt für jede Frau

16.07.2026. Kamel Daoud erklärt im Interview mit der NZZ, was die Linke falsch macht im Umgang mit dem Islam in Europa. Ägypten wird von einer Militärdiktatur regiert, erklärt der Aktivist Hossam el-Hamalawy in der FR, warum unterstützen es ausgerechnet Deutschland und Frankreich? Die SZ berichtet über die gescheiterte Wahlreform Giorgia Melonis, die FAZ über die antiukrainische Stimmung in Polen und die Zeit über ein Geheimtreffen deutscher Politiker mit russischen in Baku.

Kaum mehr als ein Scherbenhaufen

15.07.2026. Droht ein neuer Faschismus in Deutschland? Durs Grünbein will in der FAZ nicht über den Begriff diskutieren, sondern die Zeichen lesen - wie die jüngsten Attacken der AfD gegen das Bauhaus. Die FR findet Gemeinsamkeiten zwischen den Ideen der Tech-Giganten und denen des Futurismus. Marine Le Pen präsentiert sich als Jeanne d'Arc, ist aber nur eine Betrügerin, meint in der NZZ der Philosoph Pascal Bruckner. In der SZ analysiert Herfried Münkler die Strategie des Iran im Krieg mit den USA. In der taz warnt der Analyst Robin Yassin-Kassab davor, die Kriegsverbrechen in Syrien unaufgearbeitet zu lassen.

Die schrecklichen Bilder, die Panik

14.07.2026. Die Jüdische Allgemeine zitiert Bernard-Henri Lévy: Die fehlende Unterstützung für Israel wird als Schande in die Geschichte eingehen. In der FR bleibt Eva von Redecker dabei: Es droht Faschismus, und man kann sich nicht "Antifaschist" nennen, wenn man nicht Demos gegen Israel unterstützt. Was soll der Westen tun? Letztlich wird er Putin den Sieg gewähren, prognostiziert Viktor Jerofejew in der FAZ und scheint das ganz ok zu finden. Wie umgehen mit Traumata - fragen sich Deutsche fünf Jahre nach der Ahrtalflut und Franzosen zehn Jahre nach dem Attentat von Nizza.

Keine beliebige Partei

13.07.2026. In der taz wehrt sich die aserbeidschanische Autorin Nika Musavi gegen eine erzwungene Dekolonialisierung ihrer russischen Muttersprache. In der FAZ bedauert Jan Philipp Reemtsma die Denkfaulheit seiner Kritiker. In der NZZ erklärt der Essayist Hussein Aboubakr Mansour, warum Konservative und Liberale mehr gemeinsam haben, als sie denken. Bei Zeit online unterstützt die Philosophie-Professorin Rahel Jaeggi die Enteignung von Immobilien, die sie nicht als Umverteilung betrachtet, sondern als Transformation von Eigentum.