Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2026 - Bühne

Wehmütig geht Matthias Heine (Welt) durch den Berliner Gropiusbau, der Christoph Schlingensief aktuell die Ausstellung "Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine" widmet. Heine bemerkt, wie sehr Schlingensief heute fehlt: "Was hätte er dazu gesagt, dass im Osten Europas ein jahrelanger, von einer wahnsinnig gewordenen Großmacht angezettelter Krieg tobt? Was hätte er mit AfD und BSW angefangen? Wie hätte er auf den Antisemitismus in der Kunstszene reagiert? Die Themen, die er zu Lebzeiten berührte, wirken ohnehin noch erschütternd aktuell. Das gilt für den Züricher 'Hamlet X' mit tatsächlich oder vermeintlich aussteigewilligen Neonazis ebenso wie für seine Projekte in der ehemaligen deutschen Kolonie Namibia (lange bevor Kolonialismus zum Modethema und zur Chiffre für alles wurde) oder für die Gründung der Partei 'Chance 2000' im Jahre 1998. Mit der wollte Schlingensief unter anderem sechs Millionen Arbeitslose mobilisieren, um durch ein Massenbad den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen, an dem Helmut Kohl immer urlaubte."

Foto: Herwig Prammer/OnP

Eine angenehm schlichte, ganz auf die menschliche Niedertracht konzentrierte "Götterdämmerung" verdankt Reinhard J. Brembeck (SZ) Calixto Bieito, der damit seinen Ring in der Pariser National de Paris beendet. Und auch die zurückgenommene Musik überzeugt Brembeck: "Niemand muss brüllen oder forcieren, weil Dirigent Heras-Casado nie Wucht und Gedonner im Sinn hat. Sein Wagner ist bereits auf dem Weg zu Mahler, Schönberg und Berg, der Dirigent zeigt zerbröselnde Klänge, eine zwischen Operette und Freitonalität changierende Klangwelt, er stellt sich selbst in der legendären Trauermusik und im befriedenden Finale gegen Triumph und pausbäckige Affirmation. Alles ist licht, pastos, melodisch, artifiziell. In Deutschland würde solch ein reflektiertes und nie dampfendes Dirigieren nicht nur Anhänger finden."

Besprochen wird außerdem der von Stephan Thoss inszenierte Tanzabend "Dreamer" im Nationaltheater Mannheim (FR) und Thomas Ostermeiers Inszenierung des Broadway-Stücks "Stereophonic" an der Berliner Schaubühne (FAZ, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2026 - Bühne

Szene aus "Stereophonic". Foto: Gianmarco Bresadola

Thomas Ostermeier hat zum Spielzeit-Auftakt an der Schaubühne David Adjmis Tony-prämierten Broadway-Hit "Stereophonic" inszeniert, ein Stück, angelehnt an Fleetwood Macs Aufnahmen zu ihrem legendären Album "Rumours". Was für ein Coup, jubelt Richard Kämmerlings in der Welt, und das nicht nur, weil Will Butler, Gründungsmitglied von Arcade Fire die Musik zum Stück um die ständig koksenden Musiker, die an ihren Lebens- und künstlerischen Abgründen fast zerbrechen, komponiert hat. "Wie im rockhistorischen Vorbild mit Stevie Nicks und Lindsey Buckingham gibt es im Mittelpunkt der (im Übrigen namenlosen) 'Stereophonic'-Band ein genialisches Songwriter- und Sängerpärchen. Peter und Diana sind seit Langem zusammen, aber in einer schweren Krise. ... Moritz Gottwald spielt Peter sehr gegenwärtig als toxisch männlichen, passiv-aggressiven Narzissten und Choleriker; Magdalena Lerner lässt als Diana hinter ihrer habituellen Divenhaftigkeit immer wieder ihre Verletzlichkeit durchscheinen."

Ganz anders Peter Laudenbach in der SZ, der sich in diesem von Ostermeier mit "deutscher Gründlichkeit" inszenierten "Boomerparadies" dreieinhalb Stunden langweilt: "Das garantiert insofern einen authentischen Zugriff, als sich der Theaterbesuch ähnlich quälend und klaustrophobisch anfühlt wie die jahrelange Aufnahme-Session im Kokain- und Perfektionswahn. Immerhin zieht die Inszenierung in der zweiten Hälfte das Tempo an und landet dabei im gehobenen Boulevardtheater, also da, wo die Schaubühne schon in der vergangenen Saison ihre Erfolge gesucht hat." Gnädiger urteilt nachtkritikerin Ella Rendtorff: "Musikalisch ist der Abend mitreißend. In seiner Abgeschlossenheit aber entzieht er sich dem politischen Kontext - die Außenwelt scheint an den schallisolierten Wänden des Studios abzuprallen. Die Konflikte siedeln rein im Privaten." Und taz-Kritikerin Anna Fastabend stellt sich trotz guter Unterhaltung entsprechend die Frage, "ob derart viel Realitätsflucht aktuell wirklich zur Aufgabe von Theatern gehört." Im Tagesspiegel bespricht Christine Wahl das Stück.

Weitere Artikel: In der FAZ ermuntert Wiebke Hüster deutsche Ballettkompanien zu fragen: Welche sind die neuen Klassiker? Besprochen werden außerdem Marie Rosa Tietjens Monolog "Ich erwarte die Antwort des Teufels" am Zürcher Schauspielhaus (FAZ), Max Radestocks Inszenierung von Tina Müllers "Die Fische" im Berliner Theater Strahl (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2026 - Bühne

Etwas wehmütig verfolgt Marc Zitzmann für die FAZ die nach Ankündigung letzte Performance vom "Schöpfer der Genres 'Reitkabarett' und 'Reitoper'" Bartabas im Theatre Equestre Zingaro in Aubervilliers. "Tombeau pour un cheval d'orgueil" ist also das Resümee einer fünfzigjährigen "Suche nach Adel und Grazie", deren Stationen Zitzmann auch nochmal nachzeichnet. Der Choreografie kann er sich schwer entziehen: "Mönch und Ross ziehen Kreise, zeichnen Diagonalen. Peu à peu belebt sich der Rhythmus. Zu einer Gavotte tänzelt der doppelköpfige Zentaur, zu einer Gigue schlägt er Kapriolen. Dann kehrt die Bewegung zu ihrer ruhigen Gangart zurück. Am Ende steigt der Reiter herab, löst dem Pferd Sattel und Zaumzeug; beide treten im gleichen, gemessenen Schritt ab. Der getragene Pas de deux dauert eine knappe Stunde und wirkte wie ein Abschied, schier zu schwer - wäre da nicht das viermalige Auftauchen einer weißen Fee, die wie ein windgeborener Traum auf einem Schimmel vorüberrauscht und mit ihrer windsackartigen Kopfbedeckung aus meterlanger Gaze am Ende eine kleine Gänseschar in die Manege lockt: Alles klingt in sanftem Schein aus, unter Gegacker und Glockengeläut."

Besprochen wird außerdem Benedikt von Peters und Felix Rothenhäuslers Inszenierung von Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" (FAZ, NZZ).
Stichwörter: Bartabas, Pferde

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2026 - Bühne

Volkstheater Wien - Die Ankunft © Antonia Mayer

Jakob Hayner kann, lesen wir in der Welt, einiges Anfangen mit "Die Ankunft", einem Jelinek-Medley, das Regisseur Jan-Philipp Gloger am Volkstheater Wien auf die Bühne bringt. In vier Teilen bewegt sich der Abend durch Abgründe der deutschen und österreichischen Geschichte. Der Schlussakt heißt "Das Lebewohl - nein: Die Ankunft" und widmet sich der Gegenwart: "Das Ensemble trägt nun Slim-Fit-Anzüge und ist unschwer als eine rechtspopulistische Politikertruppe zu entschlüsseln. Es läuft der mit KI generierte 'Remigrationssong'. 'Österreich ist frei', schallt es durch den Saal. 'Remigration, hip, hip, hurra!' Links ist vorbei, tönen die hippen Rechten siegesgewiss: 'Kein Arbeiter bewegt sich noch in dieser Bewegung. Und wenn, dann hin zu uns.' Glogers Regie bleibt präzise und kippt nicht ins Karikierende oder Dämonisierende. Unheimlich an der Truppe ist nicht, dass sie verkappte Wiedergänger der Nazis wären, sondern dass sie in ihrer ausgestellten Banalität die perfekten Bewohner dieses deutschen Katastrophenhauses sind, das am Ende in voller Größe zu sehen ist."

Ebenfalls in Wien, im Theater Drachengasse, hat Luise Aymar viel Freude mit "Apokalyse - wir sinken nicht!", der neuen Inszenierung des Kollektivs Dorn°Bering. "In ihrem absurden, lustigen Untergangsdrama begeben sich Gesa Bering und Stephan Dorn auf eine Reise durch bisherige Apokalypsen: Die Dinosaurier wundern sich, was das für ein riesiger Feuerball am Himmel ist. Martin Luther pflanzt noch kurz vor knapp einen Baum. Die beiden fragen sich: Wie würde so ein Weltuntergang eigentlich aussehen? Was machen Reporter, wenn sie live vor Ort berichten wollen? Und wenn die Welt untergeht, was passiert dann mit der Hölle?" Um Antworten auf solche Fragen zu finden, erarbeiten die beiden schreiend komische Performances mithilfe von Alltagsgegenständen und -klängen, so die Kritikerin: "Der Theatersaal wird mal zum Regenwald, mal lässt er Sturm und Donner in sich toben. So lauscht das Kollektiv dem Kontrollverlust und fragt sich zum Schluss: Hat ein Ende nicht auch sein Gutes? Das "A" in Apokalypse steht doch schließlich für Anfang."

Außerdem: Weiterhin keine gute Presse hat das Saison-Auftaktwochenende der Berliner Volksbühne unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal. Jolinde Hüchtker sieht in der Zeit immerhin noch Licht und Schatten, Jakob Hayner hingegen ist in der Welt bitter enttäuscht: "Keine Sozialarbeit zwar, aber dafür schlechte Kunst". Kurzum: "Das Erbe des Bühne ist passé". Wolfgang Behrens gedenkt auf nachtkritik gleich vier legendären Theaterverlegern: Ute Nyssen, Helmar Harald Fischer, Maria Müller-Sommer und Krista Jussenhoven. Albrecht Selge berichtet auf van von der Europatournee des Kanze Nō Theaters.

Besprochen werden Jacques Offenbachs "Fantasio" am Landestheater Niederbayern, inszeniert von Christian von Götz (nmz) und Stefan Puchers Adaption von "Romeo und Julia" am Wiener Theater an der Josefstadt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2026 - Bühne

In der FAZ ist Irene Bazinger enttäuscht von der Saisoneröffnung der Berliner Volksbühne unter anderem mit Florentina Holzingers Performance "House Wash" (bei der zur Abwechslung niemand in Ohnmacht fiel) und Anta Helena Reckes Inszenierung von "Perfection" nach einem Roman von Vincenzo Latronico (eher einfallslos, findet Bazinger). Ebenfalls in der FAZ befürchtet Hubert Spiegel die Schließung des Bonner Schauspiels aufgrund von Sparmaßnahmen. Besprochen werden Tim Plegges Tanzstück "Orlando" nach Virginia Woolfs Roman im Theater Heidelberg (FR), Erik Raskopfs Inszenierung von Wagners "Lohengrin" am Staatstheater Mainz (FR) und Joachim Gottfried Gollers Inszenierung von Miram Leschs "Ein Stück Land" am Staatstheater Oldenburg (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2026 - Bühne

"Eines langen Tages Reise in die Nacht". Foto: Arno Declair.


Max Lindemann inszeniert Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Schauspiel Frankfurt, für Judith von Sternburg in der FR ist der Verfall einer Familie ein Stück, in dem tatsächlich Menschen und nicht Konzepte auf der Bühne stehen. Die Morphiumsucht der Mutter und die Tuberkuloseerkrankung des Sohnes, die zur Katastrophe führen, werden vom Bühnenbild gespiegelt, denn jenes ist "eine Wucht. Die Bühne des Schauspielhauses wurde dafür etwas verengt und Richtung Publikum verschoben, was akustisch ein Vorteil ist. Es gibt eine weiße Spielfläche, dahinter einen Wohnzimmerwürfel. Bücherschränke und Bilderrahmen, aber alles unbedruckt und leer. Als James, Jamie und Edmund zum Arztbesuch aufbrechen - die Stunde der Wahrheit ist gekommen - und Mary sich (in Frankfurt ohne Dienstmädchen) im Rausch verliert, beginnt der Bühnenwürfel hinten sich zu drehen. Es stürzen die Bücher, es fallen die Bilderrahmen, die Deckenlampe knickt ab. Als sich die Lage nach einer Dreivierteldrehung beruhigt, ist die Verwüstung komplett. Das ist eine große Sache, das sieht man nicht alle Tage."
 
Für die FAZ erlebt Sandra Kegel ein "heftiges Kammerspiel", in dem die Hölle, die Familie sein kann, lichterloh brennt: "Nichts in diesem Drama bringt Erleichterung, auch keine Nähe. Deshalb tragen die Schauspieler Kostüme (Cédric Mpaka), die wie Astronautenanzüge aussehen. Als seien sie auf einer Mondreise. Alle hier sind Lichtjahre voneinander entfernt. Auch die höfischen Accessoires, die putzigen weißen Halskrausen und der Goldschmuck markieren keine eigene Genealogie. Der Hausherr stammt aus bitterarmen Verhältnissen. Sie verweisen vielmehr auf das Theater im Theater. Man ist Schauspieler in dieser Familie, oder wenigstens Dichter, und beruft sich auf Hamlet oder Lear, auch wenn nur "Der Graf von Monte Christo" auf dem Spielplan steht."

Weiteres: Peter Laudenbach langweilt sich für die SZ beim Saison- und Intendanzauftakt von Matthias Lilienthal an der Berliner Volksbühne. Rüdiger Schaper ist im Tagesspiegel ebenfalls enttäuscht. Für die taz sind Ann Toma-Toader, Nina Apin und Katrin Ullmann am Start. Katrin Ullmann unterhält sich für die Zeit mit dem koreanischen Theatermacher Jaha Koo, der gerade mit dem Ibsen-Preis geehrt wurde.

Besprochen werden: Bonn Parks "Das Deutschlandherz" am Schauspiel Frankfurt (FR), Leander Haußmanns Darmstädter Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" (FR, Nachtkritik), Evgeny Titov bringt Wagners "Parsifal" auf die Bühne der Covent Garden Oper in London (FAZ), Goethes "Faust. Der Tragödie zweiter Teil", Regie führt Stas Zhyrkov am Deutschen Nationaltheater Weimar (Nachtkritik), "Das Vermächtnis" von Matthew López, inszeniert von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik), Stephan Kimmig und PC Nackt bringen Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (Nachtkritik), Rafael Sanchez' Inszenierung von Agatha Christies "Die Mausefalle" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ) und "Mononoke", Text und Regie von Satoko Ichihara an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2026 - Bühne

Das "Theater der Stunde" in Berlin ist für Jakob Hayner (Welt) nicht mehr die Volksbühne oder das Gorki-Theater, sondern das Berliner Ensemble unter Oliver Reese: "Selten hat man die Kritik so übereinstimmend begeistert erlebt wie nach Frank Castorfs Sechs-Stunden-Spektakel 'Mephisto'. Und das völlig zu Recht: Der Regiealtstar überrascht nicht nur mit einer präzisen und überraschenden Lektüre des Skandalromans von Klaus Mann, sondern mit einer für seine Verhältnisse fast geradlinig zu nennenden Inszenierung, in der Jens Harzer den Oberopportunisten Hendrik Höfgen Schicht für Schicht als nervöses Begehrensbündel freilegt... Auch in Jossi Wielers feinnerviger Uraufführung von Peter Handkes 'Schnee von gestern, Schnee von morgen' ist es wieder einmal Jens Harzer, der mit Zusammen- und Gegeneinanderspiel mit seiner Frau Marina Galic brilliert. Dass es BE-Intendant Oliver Reese gelungen ist, das Duo nach Berlin zu locken, hat sich längst als gelungener Coup erwiesen." Auch das Ensemble sei einfach "herausragend", lobt ein begeisterter Hayner, der sich schon auf "weitere Höhepunkte" am BE in dieser Saison freut.

Sophie Jung erzählt in der taz anlässlich von Aron Boks' und Janek Liebetruths Theaterstück "Freiheit:Simson" die Geschichte der DDR-Mopedmarke Simson. Christoph Irrgeher resümiert im Standard die erste Pressekonferenz des Festspielkuratoriums nach dem umstrittenen Abgang/Rauswurf des Intendanten Markus Hinterhäuser. In der NZZ schreibt Eleonore Büning zur Wiedereröffnung des Kölner Opernhauses. Besprochen werden eine "Tosca" an der Wiener Staatsoper (Standard) und Mozarts "Zaide"-Fragment an der Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2026 - Bühne

Christine Lemke-Matwey war für die Zeit bei der Eröffnung der neuen Oper in Köln. Die "Rosenkavalier"-Inszenierung von Marie-Ève Signeyrole kann sie leider nicht begeistern. Der sanierte Bau des Kölner Architekten Wilhelm Riphahn aus den fünfziger Jahren, die "klare Linienführung und luzide Leichtigkeit", aber schon: "In unserer erkaltenden, chaotischen Gegenwart erzeugen Orte wie der Kölner Offenbachplatz plötzlich eine ganz eigentümliche Wärme und Aufgeräumtheit." Diese Wärme hat allerdings ganz schön was gekostet, erinnert Lemke-Matwey: "Definitiv kalt ist das Reich der Zahlen, das den Diskurs über die Sanierung des Opernhauses zu Recht lange bestimmt hat. 1,465 Milliarden Euro kostete das Unterfangen schließlich, sechsmal so viel wie ursprünglich veranschlagt, und gedauert hat es nicht drei, sondern unfassbare 14 Jahre."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der Zeit äußert sich der Choreograph und Opernregisseur Demis Volpi, der schon nach neuen Monaten seine Intendanz am Hamburg Ballett beenden musste, erstmals zu den Vorwürfen gegen ihn (unsere Resümees). Besprochen werden Karin Beiers Inszenierung von Robert Schimmelpfennigs Antiken-Zyklus "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg (Zeit, SZ), Torsten Fischers Inszenierung von Aischylos' "Orestie" am Theater Greifswald (FAZ) und Christopher Rüpings Inszenierung seines Stücks "Deutscher Herbst" am Deutschen Theater Berlin (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2026 - Bühne

Szene aus "Mitridate" im Teatro di San Carlo. Foto: Luciano Romano. 

In VAN ist Holger Noltze fast erleichtert, in der Oper einmal "kein Gedöns, keine Deutungs-Angeberei, sondern kluges, genaues Handwerk der Intensivierung" zu sehen und zwar in Claus Guths Inszenierung der Mozart-Oper "Mitridate", die im Teatro di San Carlo in Neapel gespielt wurde. Mozarts erste Seriaoper wird hier zum Familiendrama, angesiedelt in den sechziger Jahren: "Nun zeigt Guth diesen Mitridate als Paranoiker, ein Anzugtyp mit Nackenverspannung, aber in Bezug auf seine schnöseligen Söhne hat er schon den richtigen Riecher, er sollte ihnen nicht trauen. Gleich beide haben sich in die junge Braut des Chefs verknallt, Farnace versucht es mit Gewalt, Sifare auf die sanfte Tour und wird zurückgeliebt, was die schöne Aspasia in einen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung stürzt." Hier "kann ein Präzisionsarbeiter der Psychologie wie Guth ansetzen, und eben das tut er. Sein Mitridate ist eben kein Tyrannenklischee, diese Aspasia nicht bloß Leidensheldin, dieser Farnace nicht bloß Verräter (...) Und dann dreht die Regie das realistische Netflix-Spielwerk und öffnet, vor einer riesigen perforierten Wand, einen zweiten Raum, abstrakt, suggestiv ausgeleuchtet, in dem das Personal seinen Doppel-, auch Vielfachgängern begegnet, umschwirrt von tanzenden Schattenmännern."

Besprochen wird das von Jan Philipp Gloger inszenierte Elfriede Jelinek-Medley "Die Ankunft" am Wiener Volkstheater (SZ) und Nils Zapfes Inszenierung seines Stücks "Propadanga" am Staatstheater Hannover/Ballhof 2 (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2026 - Bühne

Szene aus "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Monika Ritterhaus

So begeistert saß FAZ-Kritiker Simon Strauß schon lange nicht mehr im Theater: echte Schauspielkunst kann er im neuen Antiken-Projekt "Fremde Sonne" von Karin Beier am Hamburger Schauspielhaus bewundern. Es geht um den Mythos der Argonauten und um Medea: "Die Sonne scheint hier nicht, sie strahlt nur grell und grausam. Und der einzigen Frau zwischen all diesen Männern bleibt nichts, als dass sie sie in Willenskraft übertrumpft - Medea, jener Prototyp fehlgeleiteter Emanzipation, wird in Beckmanns Variante zu einer gebrochenen Rächerin ihres Geschlechts. Entsetzliches liegt in der Luft, von den Rängen herab dröhnt es: In den Logen sitzt ein Chor von wütenden Frauen, die ihren jahrhundertealten Männerhass auf Altgriechisch herausbrüllen und damit ihre Heldin zum Inferno treiben, zur furchtbarsten Rache, zum Kindsmord, dessen praktische Vorführung einem bis heute das Blut in den Adern gefrieren lässt."

"Klassisches Theater at it's best", jubelt auch Jens Fischer in der taz: "Beier und Beckmann messen den Kosmos des Menschlichen als Selbstzerstörungsmechanismus erschütternd nachvollziehbar mit einer emotionalen Wucht aus, die atemlos macht. Dieser Abgesang auf die Zukunft besticht durch großartige Bilder, kleine Splatter-, viele komödiantische Effekte, die natürliche Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart sowie ein famoses Ensemble."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel resümiert für die FAZ den Auftakt am Schauspiel Köln, unter anderem mit Lily Sykes Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Stück "Tag und Nacht". Besprochen werden Marie-Ève Signeyroles Inszenierung von Richard Strauss' und Hugo von Hofmannsthals Oper "Der Rosenkavalier" zur Neueröffnung der Oper Köln (VAN, FAZ, FR), Ran Chai Bar-zvis Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Reigen" und Philipp Stölzl von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" am Münchner Residenztheater (SZ) und Burkhard Kosminskis Stück "Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt" am Schauspiel Stuttgart (taz).
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