Efeu - Die Kulturrundschau
Literarische Heulsusen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.10.2026. Die Filmkritiker erkennen in Aaron Sorkins Film "The Social Reckoning", wie unsozial die sozialen Medien eigentlich sind. In der taz darf Maxim Biller nach Herzenslust über die Gegenwartsliteratur herziehen. Die FAZ begegnet bei der wohl letzen Performance des Pferde-Choreografen Bartabas doppelköpfigen Zentauren und weißen Feen. Der Guardian entdeckt in einer Londoner Ausstellung mit Werken Robert Rymans 50 Shades of Weiß.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.10.2026
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Film

In "The Social Network" hatte sich Aaron Sorkin - damals noch als Drehbuchautor - mit der Entstehung von Facebook beschäftigt, in "The Social Reckoning" befasst er sich nun diesmal auch als Regisseur mit Frances Haugens Facebook-Leaks von 2021. Diese machten offenkundig, wie sehr die Algorithmen des "sozialen" Netzwerks emotionale Zuspitzung, Skandalisierungen und Falschinformationen begünstigten. Eine "gut geölte Filmmaschine" erlebte Perlentaucherin Katrin Doerksen im Kino - und insbesondere in den Szenen, in denen Mark Zuckerberg dafür gecoacht wird, bei öffentlichen Auftritten und Hearings weniger roboterhaft zu wirken, passt dieser Film einfach in unsere "Zeit, in der die auf Meta-Plattformen geteilten Nachrichten inklusive jenen von KI-Agenten, die womöglich in ein paar Jahren die Menschheit auslöschen könnten, nicht selten klingen, als wären sie einer überdrehten James-Bond-Parodie entsprungen. Die Zeit, in der Hollywood Tech-Gründer und CEOs als zwar ambivalente, letztlich aber geniale Rockstars porträtierte, ist endgültig vorbei."
Durchaus "ironisch" findet es Valerie Dirk im Standard, dass Sorkin seinen Film "als Whistleblower-Heldinnengeschichte erzählt, obwohl alles nur noch schlimmer wurde". Der Regisseur "versucht, komplexe Vorgänge durch seine zeitlich ausgewiesene Erzählstruktur nachvollziehbar zu machen. Sein Fokus liegt nicht auf kinematografischer Virtuosität, sondern darauf, einen packenden Journalismus-Thriller (...) zu erzählen." Diese "altmodische Geradlinigkeit ist vielleicht die größte Stärke dieses Politthrillers, der unfairerweise immer im Schatten seines virtuoseren Vorgängers stehen wird. Dabei hatte der 2010 einen entscheidenden Vorteil: Obwohl er bereits sechs Jahre nach Gründung von Facebook spielte, galt er als neu, visionär. Die Schnelligkeit der sozialen Medien hat dagegen die Neuigkeitswährung derart beschleunigt, dass 'The Social Reckoning' bereits vier Jahre nach Aufdecken der Facebook Files alt wirkt." Andrian Kreye staunt in der SZ darüber, wie Sorkin es gelungen "ist, das Grundproblem des Kinos der Gegenwart zu bewältigen. Nichts ist optisch fader als das, was sich in einem Computer abspielt. Und so vieles in der Welt ist in diese elektrischen Eingeweide gerutscht, auch Macht und Missbrauch. Sorkin schafft das Kunststück, daraus einen Thriller zu machen." Weitere Besprechungen auf Filmstarts und in FAZ, Zeit und Tagesspiegel.
Weitere Artikel: Jan Küveler spricht für die Welt mit dem koreanischen Regisseur Na Hong-jin über dessen SF-Horrorkomödie "Hope", die Daniel Kothenschulte in der FR bespricht. Patrick Heidmann spricht in der FAZ mit dem Schauspieler Robert Pattinson. David Steinitz (SZ) und Jürgen Kaube (FAZ) schreiben Nachrufe auf die 102-jährig verstorbene Schauspielerin Eva Marie Saint. Unvergessen, wie sie einst Cary Grant in Hitchcocks "North by Northwest" mit kühl-kontrolliertem Understatement an die Wand spielte:
Besprochen werden Andreas Dresens "Alte Liebe" (FR, taz), die auf Arte gezeigte Mini-Serie "Die Revoluzzer" über Frankreich nach dem Mai '68 (FD) und Aron Lehmanns Verfilmung von Daniela Dröschers Roman "Lügen über meine Mutter" (Zeit).
Literatur
Die taz hat bei Maxim Biller einmal 100 Zeilen Hass wie in guten alten Tempo-Zeiten bestellt: Ohne Gnade zürnt der Schriftsteller darüber, dass die Feuilletons seiner Ansicht nach vor allem Schund- und Trivialromane hofieren. Heute werde "Schriftstellern, die keine Schriftsteller sind, bestenfalls geld-, kitsch- und wirklichkeitsgierige Schreibautomaten, von der blasierten Literaturkritik das Tor zum Elfenbeinturm so weit geöffnet wie noch nie." Caroline Wahl, Heinz Strunk? Setzen, Sechs! "Und woher kommt der Respekt für den charmanten Herrn Kehlmann und seine als historische Romane getarnte Mantel-und-Degen-Prosa, oft mit einem Schuss Naziporno versehen? Wie ernst kann man Nelio Biedermanns Kakanien-Träumereien nehmen, so schwülstig und banal, wie es die Romane seines Vorbilds Joseph Roth nie waren? Und haben Sie schon mal versucht, Juli Zeh zu lesen, die als freiwillige Bewohnerin des ostdeutschen Hinterlands ebenfalls ihre Leser mit klischeehaften Anti-Klischees und der verlotterten Sprache einer erfolgsbesoffenen Bestsellerautorin füttert? Ganz zu schweigen vom Gastarbeiter-Kitsch einer Fatma Aydemir und aller anderen literarischen Heulsusen aus ihrer opportunistischen Migranten-Kohorte."
Vielleicht sucht Biller ja deshalb nach literaturbetriebsfernen Freunden? In seiner Zeit-Kolumne erzählt er jedenfalls, wie er im Netz in Japan eine Jazzplatte ersteigerte - "Blackjack" von Donald Byrd, die er uns übrigens allerwärmstens ans Herz legt - und sich trotz eines nicht immer fröhlichen Chatverlaufs dann doch noch mit dem japanischen Plattenhändler anfreundete.
Weitere Artikel: Julia Hubernagel resümiert in der taz den Auftakt der Frankfurter Buchmesse, bei dem der tschechische Kulturminister Oto Klempíř, Mitglied der rechten tschechischen Autofahrerpartei, von Landsleuten im Saal ausgebuht wurde. Tschechien ist Gastland der Buchmesse, daher arbeitet sich das Jungle-World-Team durch einen guten Regalmeter tschechischer Literatur (mehr zur tschechischen Literatur in dieser "Langen Nacht" von Dlf Kultur). Lars von Törne orientiert sich im Tagesspiegel derweil in der tschechischen Comicszene. Janika Wersig erinnert in der Jungle World an die Rolle, die Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" im Gedenken an den Genozid an den Armeniern einnimmt. Tobias Rüther spricht in der FAZ mit dem Jugendbuchautor John Green, der mit "Hollywood, Ending" erstmals einen Roman für Erwachsene geschrieben hat. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Schriftsteller Gert Loschütz zum 80. Geburtstag. Judith Scholter tummelt sich für die Zeit in der Romance-Szene. Marie Schmidt spricht für die SZ mit der Bestsellerautorin Bonnie Garmus.
Besprochen werden unter anderem Lutz Seilers "Das tickende Herz" (Welt, SZ), Franz Walters Biografie über Joachim Fest (FR), Eeva-Liisa Manners "Promenadenmusik für kleine Flusspferde und andere Etüden" (Zeit) und Andrea Rudorffs Studie "Auschwitz vor polnischen Gerichten. Ermittlungen, Urteile, Wirkungen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Vielleicht sucht Biller ja deshalb nach literaturbetriebsfernen Freunden? In seiner Zeit-Kolumne erzählt er jedenfalls, wie er im Netz in Japan eine Jazzplatte ersteigerte - "Blackjack" von Donald Byrd, die er uns übrigens allerwärmstens ans Herz legt - und sich trotz eines nicht immer fröhlichen Chatverlaufs dann doch noch mit dem japanischen Plattenhändler anfreundete.
Weitere Artikel: Julia Hubernagel resümiert in der taz den Auftakt der Frankfurter Buchmesse, bei dem der tschechische Kulturminister Oto Klempíř, Mitglied der rechten tschechischen Autofahrerpartei, von Landsleuten im Saal ausgebuht wurde. Tschechien ist Gastland der Buchmesse, daher arbeitet sich das Jungle-World-Team durch einen guten Regalmeter tschechischer Literatur (mehr zur tschechischen Literatur in dieser "Langen Nacht" von Dlf Kultur). Lars von Törne orientiert sich im Tagesspiegel derweil in der tschechischen Comicszene. Janika Wersig erinnert in der Jungle World an die Rolle, die Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" im Gedenken an den Genozid an den Armeniern einnimmt. Tobias Rüther spricht in der FAZ mit dem Jugendbuchautor John Green, der mit "Hollywood, Ending" erstmals einen Roman für Erwachsene geschrieben hat. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Schriftsteller Gert Loschütz zum 80. Geburtstag. Judith Scholter tummelt sich für die Zeit in der Romance-Szene. Marie Schmidt spricht für die SZ mit der Bestsellerautorin Bonnie Garmus.
Besprochen werden unter anderem Lutz Seilers "Das tickende Herz" (Welt, SZ), Franz Walters Biografie über Joachim Fest (FR), Eeva-Liisa Manners "Promenadenmusik für kleine Flusspferde und andere Etüden" (Zeit) und Andrea Rudorffs Studie "Auschwitz vor polnischen Gerichten. Ermittlungen, Urteile, Wirkungen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst
Ist das wirklich "The Real Thing", wie die Barbican Gallery in London eine Ausstellung mit Werken des Malers Robert Ryman (1930-2019) betitelt? Im Guardian ist sich Ben Eastham nicht so ganz sicher. Die ausschließlich weißen Leinwände erzeugen bei ihm einen etwas klaustrophobischen Effekt, das ist eher eine "Flucht vor der Realität", meint er, als eine Auseinandersetzung mit ihr. Aber wie Ryman mit der Farbe Weiß in allen Variationen spielt und dem Betrachter neue Wahrnehmungsräume eröffnet, das ist für den Kritiker faszinierend, "denn Ryman konnte innerhalb seines eng begrenzten Rahmens alles erreichen. Durch die Verwendung verschiedener Weißtöne kann man sich darauf konzentrieren, wie seine Handhabung des Materials - mal zart, mal grob, mal präzise - dessen Wirkung verändert. Der prächtige, weiße Wolkenschleier scheint das Werk 'Concert' bis zur Decke zu heben, wären da nicht die vier Schrauben, die seine Fiberglasoberfläche so auffällig an der Wand befestigen. Ein unbetiteltes Werk von 1958 ist in ein galliges Gelbweiß getaucht, das in Kombination mit Rymans karikaturhafter Handschrift eine willkommene Energie erzeugt. Das geheimnisvolle 'Surface Veil II' inszeniert die Begegnung lavendelfarbener Atmosphäre mit einer Kaltfront in monumentaler Dimension."
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Vier Wände voller Kunst - Jüdische Familien und ihre Sammlungen in Leipzig" im Museum der bildenden Künste in Leipzig (FAZ), "Lovis Corinth. Dann kam Berlin!" in der Berlinischen Galerie in Berlin (Tsp) und "Cezanne et nous" im Grand Palais in Paris (NZZ).
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Vier Wände voller Kunst - Jüdische Familien und ihre Sammlungen in Leipzig" im Museum der bildenden Künste in Leipzig (FAZ), "Lovis Corinth. Dann kam Berlin!" in der Berlinischen Galerie in Berlin (Tsp) und "Cezanne et nous" im Grand Palais in Paris (NZZ).
Musik
Unter Puristen findet das neue The-Fall-Album "Post Scipt" keine Freunde - es basiert auf zwischen 2001 und 2014 entstandenen Gesangsaufnahmen des 2018 gestorbenen Sängers Mark E. Smith, informiert Max Dax in der FR. Aufnahmen, "die von den Produzenten Ed Blaney und Simon Archer in neue Klangwelten hineincollagiert wurden. Ein intertextueller Copy-and-Paste-Prozess, der der hybriden Arbeitsmethode von Mark E. Smith in den letzten Jahren seines Lebens durchaus entspricht. ... Denn anstatt zu versuchen, The Fall wie in einer posthumen Legacy- oder Lost-Tapes-Vermarktung zu monetarisieren, steht dieses Album für einen an Radikalität nicht zu überbietenden Versuch, Mark E. Smiths Stimme, sein Mikro-Timing, seine gesangliche Präsenz in Rhythmus und Sprache in einen neuen Aggregatzustand zu überführen. In der rauen, metallischeren Umgebung der aggressiv-amphetamin-getriebenen Soundscapes wandeln sich seine Worte zu etwas seltsam Vertrautem, zugleich Deplatziertem und gerade deshalb seltsam Über-Lebendigem. Die Frage nach der Authentizität war in der Welt des Post-Punk schon immer nebensächlich. 'Authentisch' - das waren immer die anderen."
Weiteres: Florentin Schumacher porträtiert in der Zeit den bayerischen Schlagerrapper Tream. Besprochen werden Danger Dans Album "Keine Angst" (taz), ein Konzert von Soap&Skin (taz) und die auf Mubi gezeigte Doku-Serie über Jay-Z (Zeit).
Weiteres: Florentin Schumacher porträtiert in der Zeit den bayerischen Schlagerrapper Tream. Besprochen werden Danger Dans Album "Keine Angst" (taz), ein Konzert von Soap&Skin (taz) und die auf Mubi gezeigte Doku-Serie über Jay-Z (Zeit).
Bühne
Etwas wehmütig verfolgt Marc Zitzmann für die FAZ die nach Ankündigung letzte Performance vom "Schöpfer der Genres 'Reitkabarett' und 'Reitoper'" Bartabas im Theatre Equestre Zingaro in Aubervilliers. "Tombeau pour un cheval d'orgueil" ist also das Resümee einer fünfzigjährigen "Suche nach Adel und Grazie", deren Stationen Zitzmann auch nochmal nachzeichnet. Der Choreografie kann er sich schwer entziehen: "Mönch und Ross ziehen Kreise, zeichnen Diagonalen. Peu à peu belebt sich der Rhythmus. Zu einer Gavotte tänzelt der doppelköpfige Zentaur, zu einer Gigue schlägt er Kapriolen. Dann kehrt die Bewegung zu ihrer ruhigen Gangart zurück. Am Ende steigt der Reiter herab, löst dem Pferd Sattel und Zaumzeug; beide treten im gleichen, gemessenen Schritt ab. Der getragene Pas de deux dauert eine knappe Stunde und wirkte wie ein Abschied, schier zu schwer - wäre da nicht das viermalige Auftauchen einer weißen Fee, die wie ein windgeborener Traum auf einem Schimmel vorüberrauscht und mit ihrer windsackartigen Kopfbedeckung aus meterlanger Gaze am Ende eine kleine Gänseschar in die Manege lockt: Alles klingt in sanftem Schein aus, unter Gegacker und Glockengeläut."
Besprochen wird außerdem Benedikt von Peters und Felix Rothenhäuslers Inszenierung von Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" (FAZ, NZZ).
Besprochen wird außerdem Benedikt von Peters und Felix Rothenhäuslers Inszenierung von Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" (FAZ, NZZ).
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