Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Das Prekäre des Moments

30.06.2026. Im Tagesspiegel erklärt der französische Archivar François-Pierre Goy, weshalb die bisher unbekannten Mozart-Stücke erst jetzt entdeckt wurden. Monopol erfährt in Berlin von Forensic Architecture von den Auswirkungen des deutschen Völkermords an den Herero und Nama. Die FAZ blickt in das deformierte Gesicht des Krieges in der Ukraine, wenn Dusan David Parizek Sofia Andruchowytschs National-Epos "Amakoda" auf die Bühne in Chemnitz bringt. Antisemitische Botschaften sind in der Modewelt inzwischen ein Must, notiert die Jüdische Allgemeine.

Die blutig dargereichten Herzen

29.06.2026. Lena Schätte gewinnt den Bachmannpreis und den Publikumspreis mit einem Text über die Demütigungen, die dicke Menschen selbst von ihrer Familie erfahren: Die Kritiker sind begeistert. Dass der Wettbewerb insgesamt von fantasiebefreiter Autofiktion geprägt war, lässt sie aber doch seufzen. Die taz  porträtiert die Sängerin Parastoo Ahmadi, die zu 74 Peitschenhieben verurteilt wurde. Es funktioniert erstaunlich gut, den Comedian Bülent Ceylan in der "Entführung aus dem Serail" auftreten zu lassen, wundert sich die FAZ.

Verzweifelter Bär mit kindlichem Herzen

27.06.2026. Die Kritiker reißt es von den Sitzen in der Münchner "Walküre", die Tobias Kratzer inszeniert und Vladimir Jurowski dirigiert hat: Die FAZ hört eine Musik gesteigerten Ausdrucks, die SZ amüsiert sich mit den durch München reitenden Walküren. Nur die Welt ist unterwältigt, aber dann wieder: Die Sänger! FAS und Tagesspiegel empfehlen wärmstens die große Gabriele-Stötzer-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau. Die Welt ruft: Auf nach Schwäbisch Gmünd, wo alle Werke des Informel-Malers Hans Hartung gezeigt werden. Die taz lernt, dass es auch im Jazz-Musiker gibt, die auf KI neugierig sind.

Für Leib und Seele oft gefährlich

26.06.2026. Im Standard erinnert Tex Rubinowitz zum fünfzigsten Jubiläum des Bachmann-Wettbewerbs daran, dass Literatur mal olympisch war. Schön, dass es ihn gibt, aber entscheidend für eine schriftstellerische Zukunft ist er nicht, meint die FR, Helga Schuberts Eröffnungsrede sanft widersprechend. Die FAZ blickt in Berlin mit Walter Schels auf Leichenantlitze und mit Cyprien Gaillard in Bregenz in Kriegsbunker. 

Walter Benjamin, steh' uns bei!

25.06.2026. Aktualisierung um 11 Uhr: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird dem Autor Philippe Sands zugesprochen. Heute wäre Ingeborg Bachmann hundert Jahre alt geworden. Ihr Werk ist aktueller denn je, meint ihre Biografin Andrea Stoll in der FR, auch politisch. In der Zeit kann der Künstler Jacques Tilly kaum fassen, dass er wegen einer Putin-Pappfigur in Moskau zu mehr als acht Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Die NZZ macht sich in einer Zürcher Ausstellung Gedanken über das Leben im "urbanen Bienenstock". In der taz erzählt der Architekt Francis Kéré, warum das neue Parlamentsgebäude in Benin einem "Palaverbaum" nachempfunden ist.

Moment mal, so redet doch kein General!

24.06.2026. Die Geschichte der Bayreuth-Inszenierungen unter den Nazis ist keineswegs aufgearbeitet, meint der Wagner-Forscher Arno Mungen, der in der Zeit erinnert, wie gern die Nazis von Auschwitz direkt in die Oper fuhren. Monopol blickt in einer Berliner Ausstellung in die Abgründe unseres digitalen Medienkonsums. Leo Fenders berühmte Stratocoaster ist jetzt Kunst und damit urheberrechtlich geschützt, ärgert sich die Welt. Außerdem liest sie kritisch Ingeborg Bachmanns Gedicht "Es kommen härtere Tage". Perlentaucher und Tagesspiegel sehen mit Curry Barkers "Obsession" ein wunderbares Stück Horrorkino.

Revolte, inmitten von Händen

23.06.2026. Der Tagesspiegel lauscht auf Radio France einer Sensation: Die Flötistin Mathilde Calderini und der Harfenist Nicolas Tulliez spielen erst kürzlich entdeckte Mozart-Stücke. Monopol lässt sich in Aarhus gern blenden von den 1.100 Lichtquellen von James Turrell. Die Welt lernt dank Massentests mit indischen Analphabeten: Wer lesen kann, erkennt auch Gesichter und Farben schneller. Rüsch und Tüll für Männer erhitzt noch immer die Gemüter, bermerkt die FAZ in Florenz mit Blick auf Simone Rochas neue Entwürfe. Man wollte sich in Bayreuth offenbar nicht durch Aufklärung stören lassen, ärgert sich Hamburger Kultursenator Carsten Brosda in der SZ.

Zuversicht stimmt zuversichtlich

22.06.2026. "Luftmasse" vom Paper Tiger Theater Studio in Chemnitz ist für die Nachtkritik vor allem heiße Luft, hilft aber vielleicht, Alfred Döblins Roman "Berge Meere und Giganten" wiederzuentdecken, auf dem das Stück basiert. Der DLF würdigt den Mut der kroatischen Intellektuellen und Schriftstellerin Slavenka Drakulić, die gestorben ist. Frank Zappas Rockoper "200 Motels" in Genf ist für die Kritiker zwar ein Humor-Unfall mit goldenen Gemächtkörbchen, aber die Musik scheppert ganz gut. Die FAZ lässt sich von Helene Fischer beeindrucken.

Die Sprache fliegen sehen

20.06.2026. Die Feuilletons gratulieren Ingeborg Bachmann schon heute zum Hundertsten: War sie Kommunistin, fragt die taz. Oder Heterofatalistin, fragt sich die SZ. Die FAZ erkennt in London, wie bescheiden Winston Churchill als Maler auftrat. Der Manifesta Ruhr verdankt sie außerdem poetische Ideen für die 20.000 Kirchen, die in Deutschland bald leer stehen könnten. Die FR lernt in Frankfurt, was passiert, wenn man in Grönland nur Kalaallisut, die Sprache der Inuit spricht. FAZ und SZ lauschen dem gelassenen, aber nicht unpolitischen letzten Album der Rolling Stones.

Massive Zeitungsseile

19.06.2026. Kehrtwende in Bayreuth: Katharina Wagner entschuldigt sich bei Michel Friedman und der spricht nun doch in Bayreuth, wie er der SZ versichert. Die FAZ lernt in Bonn von Candice Breitz: Mitgefühl ist offenbar eine Frage der Hautfarbe. Im Tagesspiegel erzählt Dokumentarfilmemacherin Regina Schilling, wie sie Ingeborg Bachmann wieder zum Leuchten bringen will. Der Perlentaucher lauscht einem Schwanengesang, dem alle Schwere fehlt, in Sophie Fillières' Film über eine Frau im Angesicht des Todes. Und Van weiß: Ab 2032 soll die Berliner Philharmonie für acht Jahre schließen und für 1,15 Milliarden Euro saniert werden.