Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.07.2026. Die SZ feiert beim Festival d'Avignon Kunst und Mord, die Poesie und das Böse in Julien Gosselins Spektakel "Maldoror". Die Welt macht es sich in Avignon lieber richtig ungemütlich mit Carolina Bianchis "Uma Luz Cordial", das die Brutalität eines sensationslüsternen Literaturbetriebs ausleuchtet. Die taz porträtiert die Lyrikerin Ann Cotten. Die SZ erzählt, wie Odysseus von Übersetzerinnen gesehen wird: als einfallsreicher Heiratsschwindler. Die FAZ bestaunt Wunderwerke der Lichtmalerei im Kunst Museum Winterthur. Die Welt bewundert das edle Understatement des neuen Konzertsaals für das Musikfestival "Rencontres" in Evian-les-Bains.
10.07.2026. Die Literaturkritiker gratulieren dem Fabelwesen der deutschen Literaturszene Christine Wunnicke zum Büchnerpreis: taz und NZZ würdigen ihren diabolischen Humor, die FAZ lobt ihren Eigensinn. Die SZ ist empört über den Umgang der Münchner Politik mit Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel, für die sich offenbar niemand zuständig fühlt. Die Musikkritiker trauern um Bonnie Tyler: Der FR war sie ein Vorbild, wie man nach einer Niederlage sein Krönchen wieder richtet. "It's a Heartache", ruft Zeit online.
09.07.2026. Aktualisierung: Der Büchnerpreis geht in diesem Jahr an Christine Wunnicke. Die FAZ greift nochmal die Wenders-Kinski-Debatte auf und empfiehlt statt bigotter Verurteilung der Vergangenheit eine "Selbstüberprüfung in der Gegenwart". Die Nachtkritik verfolgt in Jena das Schicksal der Kassandra als antikes Biopic mit Gegenwartsbezug. Der Tagesspiegel ist hocherfreut über die Rekonstruktion der Villa Rezek bei Wien, einer "Ikone des Neuen Bauens". Die Welt geht unter, aber der Popmusik fällt nichts besseres ein als Selbstliebe, schäumt die taz.
08.07.2026. Critic.de freut sich, wie Eva Trobisch mit ihrem Film "Etwas ganz Besonderes" ein Stück ostdeutsche Gegenwart auf die Leinwand bringt. In Augsburg möchte eine Theaterinitiative gegen den Antisemitismus auf deutschen Bühnen ankämpfen, berichtet die nachtkritik. Die taz besucht eine Cecilia-Vicuñas-Ausstellung nahe Turin und verliert sich in hundert Metern Schafswolle. Die SZ ist hingerissen von der Rapperin Ikkimel, die mit ihrem Song "Fußballmänner" gezeigt habe, dass die Jugend auch heute noch so richtig anecken kann.
07.07.2026. Die FAZ staunt in Potsdam über die "Lichtmalerei" des Anarchisten Paul Signac, der statt Arbeitern lieber Küsten malte. Der NZZ läuft bei Nikolaus Habjans Inszenierung einer Opernfassung des Dürrenmatt-Stücks "Der Besuch der alten Dame" in München ein Schauer über den Rücken. Der Tagesspiegel vertieft sich in einer Retrospektive im Kino Arsenal in Berlin in die Filme des Eigenbrötlers Jean Eustache. Die taz wundert sich bei der Fashion Week in Berlin über Barock-Vibes.
06.07.2026. Fast hypnotisiert betrachtet die NZZ Vilhelm Hammershøis stille Bilder in Zürich. In Stuttgart schwanken Schillers "Räuber" für die Kritiker irgendwo zwischen feministischen Impulsen und abgenutzten Visuals. Die SZ freut sich über einen lärmfreien Entwurf Max Hackes für das Berliner Haus der Jugend. Taz und Zeit werden sich beim neuen Madonna-Album nicht einig. Die FAZ kritisiert den Begriff des "Incel Horror". Braucht man wirklich die Genre-Bezeichnung "Weird Girl-Fiction", fragt die Zeit. Die Fashion Week war dieses Mal wieder sehr berlinig, findet der Tagesspiegel.
04.07.2026. In der taz blickt die Kunsthistorikerin Jennifer Van Horn auf die Leerstellen in der amerikanischen Kunst. In der SZ rechtfertigt sich Katharina Wagner - und fordert auch den Rest der Familie zur Aufarbeitung der Geschichte auf. FAS und Welt lauschen gebannt dem Schweigen zwischen den Menschen in Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes". Die SZ zieht sich mit Madonna außerdem in den Darkroom des Beichtstuhls zurück.
03.07.2026. Die FAZ wünscht sich wieder mehr kleine risikofreudige Filme jenseits großer Budgets. 54books stellt die Onlineplattform Weiter Schreiben vor, die Texten von AutorInnen aus Kriegsgebieten ein Forum bietet. In der Welt erklärt der ukrainische Regisseur Anatolij Lewtschenko die "weiche Propaganda" der Russen in Mariupol. Die taz sehnt sich in Aarhus zurück nach der Renitenz des Punk. Außerdem lauscht sie dem blubbernden Amapiano von Moonshine. Und in der SZ befürchtet der italienische Regisseur Toni Servilio, dass Europa von autoritären Regimen aufgefressen wird.
02.07.2026. Überwältigt blickt die FAZ in Rosenheim auf Blut, Blitze und Riesenbrüste, die ghanaische Filmplakatmaler auf alte Säcke gemalt haben. Die Zeit erkennt in London, was Frida Kahlo so unverwechselbar machte. Der Guardian staunt ebenfalls in London über die Mikro-Garnituren in den Gemälden von Ferdinand Georg Waldmüller. Die Welt amüsiert sich, wenn Intendant Aviel Cahn sich mit einem Riesenpenis von den Genfern Richtung Berlin verabschiedet. Und der Perlentaucher reist begeistert mit Aleksandre Koberidze und seinem Mobiltelefon durchs georgische Hinterland.
01.07.2026. Die taz besucht eine Ausstellung von politischen iranischen Künstlern, die sich nach einer Welt jenseits der autokratischen Fremdbestimmung sehnen. Deutschland wird Grauland, seufzt die SZ mit Blick auf aktuelle Design-Trends. Trotz Höllenhitze hat die FAZ auf den Musikfestspielen Potsdam viel Freude an einem Händel-Oratorium. Klassik und Techno im selben Konzertsaal? Keine gute Idee, findet Backstage Classical. Die SZ fragt nach, wie Tanztheater in Sachsen-Anhalt sich auf einen möglichen AfD-Wahlerfolg vorbereiten.