Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ein Prozess ständiger Metamorphosen

06.06.2026. Auch seriöse Autorenfilmer wie Martin Scorsese und Steven Soderbergh arbeiten jetzt mit KI-Unternehmen zusammen: Vielleicht kann so die Vision des Regisseurs genauer umgesetzt werden, überlegt die NZZ. Die Literatur der DDR ist spätestens nach der Wende "ausradiert" worden, behauptet Carsten Gansel in seinem neuen Buch - die SZ ist skeptisch. Die Welt feiert in einer Jasper Johns Retrospektive im Guggenheim Bilbao die Möglichkeiten der Malerei. Und der Tagesspiegel hat in der Zitadelle Spandau eine beunruhigend sinnliche Begegnung mit einer Hitler-Büste

Kantig in die Wolken gebaut

05.06.2026. Die Welt ärgert sich, dass mehr als siebzig Künstler bei der Biennale in Venedig ihre Teilnahme an der Preisverleihung durch das Publikum boykottieren. Die FAZ liest Boualem Sansals neues Buch auch als wütenden Versuch, die Hoheit über die eigene Geschichte zurückzugewinnen. Die nachtkritik erlebt dank der polnischen Regisseurin Magda Szpecht in Dortmund, wie es sich anfühlt, als Frau an der ukrainischen Front zu kämpfen. Der Guardian lernt in London Bescheidenheit mit M. C. Escher. Und alle trauern um Marjane Satrapi, die "Chronistin einer verlorenen Generation", wie Zeit Online erinnert.

Ich erschaffe, wie ich spreche

04.06.2026. Wim Wenders bittet Nastassja Kinski plötzlich um Entschuldigung und will den Film fürs erste aus der Öffentlichkeit ziehen: Kalkül, glaubt der Tagesspiegel. Wenders wurde von "Sittenleuchtern und Puritanern" der Schauprozess gemacht, ärgert sich artechock. Die SZ wirft Boualem Sansal, dessen neues Buch "La Légende" in Frankreich erschienen ist, "maßlose Gehässigkeit" vor. Die NZZ gruselt sich in Basel dank Pierre Huyghe vor einsamen Wesen mit pelzigen Ärmchen. 

Pommes frites für alle

03.06.2026. Die Feuilletons debattieren weiter über die Nacktszene von Nastassja Kinski im Wenders-Film "Falsche Bewegung": Man sollte die Szene nicht einfach herausschneiden, als wäre nichts passiert, findet die SZ, die Zeit erkennt in Wenders' Reaktion das abscheuliche Verhalten von Männern in Machtpositionen. Die SZ schwärmt außerdem von der Popmusikerin Sofia Isella, die gegen männliche geistige Tiefflieger ansingt. Renoir hielt hingegen gar nichts vom Kampf der Geschlechter, erkennt die NZZ in zwei Ausstellungen in Paris. Geradezu "grenzsprengend" findet die Welt, wie Sebastian Baumgarten in Köln die Bombenangriffe der Alliierten auf Deutschland inszeniert.

Aufgeraut im Inneren

02.06.2026. Im Standard ist Milo Rau zerknirscht darüber, dass er Peter Thiels Auftritt bei den Wiener Festwochen absagen musste: er habe das Festival schützen müssen. Die SZ ist bei der Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper "L' Agamennone" in Bern beeindruckt von Iris van Wijnenn als "furchterregend großartiger" Klytämnestra. Im taz-Gespräch erklärt Jenny Graser, Kuratorin am Leipziger Museum der Bildenden Künste, was  Arbeiterbildnisse aus der DDR mit Gemälden aus dem 16. Jahrhundert zu tun haben. 

Mit flamboyanter Dringlichkeit

01.06.2026. Auf die Kritik an einer Nacktszene mit der dreizehnjährigen Nastassja Kinski reagierte Wim Wenders beim Deutschen Filmpreis eher ratlos: Es geht es hier aber um die Sexualisierung eines Kindes, erinnert die FAZ. Wie die DDR ihre Kunst auf der Biennale in Venedig präsentierte, erforscht Monopol. Mit Balanchine und Spuck schwingen nicht nur die Tänzer durch die Berliner Staatsoper, sondern auch die hingerissenen Kritiker. Die NZZ ist hin- und hergerissen, wie man Teodor Currentzis nun eigentlich beurteilen soll.

Zeitalter des Schattens

30.05.2026. Nach dem offenen Brief schießen die Theaterkritiker zurück: Legt eure Gehälter offen und verpflichtet euch zu transparenter und gerechter Entlohnung, ruft die Welt den Intendanten zu. Angesichts des Klimawandels überlegt die FAS, ob Licht, Luft und Sonne im Städtebau bald schattigen Landschaften weichen werden. Die taz lernt in Dresden den Plattenbau im Westen kennen. Die FAS weiß: In Ost und West machte man es sich in Richard Lamperts Känguruh-Stuhl bequem. Die FR atmet in Wiesbaden durch mit den farbenprächtigen Bildern von Wolfgang Hollegha. Und Welt und FAZ verabschieden die Toten Hosen.

Allerlei Halleffekte

29.05.2026. Wie steht's denn an euren Häusern mit der Frauenquote, fragen Nora Hertlein-Hull, Leiterin des Theatertreffens, und Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele, in der FAZ jene Theaterleiter, die den offenen Brief unterzeichnet haben. Deplatforming funktioniert nicht, verteidigt Milo Rau im Tagesspiegel seine Einladung von Peter Thiel zu den Wiener Festwochen. Während Nastassja Kinski seit Jahren versucht, eine kindliche Nacktszene aus einem Film von Wim Wenders entfernen zu lassen, bekommt der heute den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises, ärgert sich die SZ. Die Musikkritiker verreißen das neue Album von Paul McCartney: Kantenloses Klangverbrechen, schimpft die FAZ.

Erhebliche Bereiche des Unheimlichen

28.05.2026. Viel Blut und aufgespießte Haut konnten die Kritiker bei Florentina Holzingers "Pfingstfestspielen" auf Schloss Prinzendorf sehen: die Zeit zuckt die Achseln, die SZ ist schon beeindruckt von der "unerschütterlichen Amazonenhaftigkeit". Außerdem bestaunt die Zeit im Vitra Museum die "rasanten" Möbel des Designers Verner Panton. Das Van Magazin wird mit Gustav Mahler ins Kosmische gewuppt.

Ein theatrales Missverständnis

27.05.2026. Sonny Rollins ist tot. Die Feuilletons trauern um einen Jazzmusiker, der in seiner Musik, so die SZ, nach einer tieferen Wahrheit schürfte. Die FAZ taucht in Venedig in KI-generierte Mittelalter-Fantasien ein. Ein offener Brief gegen die Aussetzung der Frauenquote beim Berliner Theatertreffen ist im Umlauf - die nachtkritik ist skeptisch. Der Tagesspiegel feiert das Frühlingslicht im Berliner Hauptbahnhof.