Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Miasma aus Dschungeltönen

26.05.2026. Die Filmkritik ist uneins über die Goldene Palme für Cristian Mungius Film "Fjord": Beklemmend gut, findet die SZ, zu konservativ, meint die FR. Über den Hauptpreis für Sandra Wollners "Everytime" im Nebenwettbewerb "Un certain regard" freuen sich indes alle. Sebastian Nüblings Inszenierung von "Wunde Stadt" über den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt ist ein gelungener Versuch, Worte für Unsagbares zu finden, findet die nachtkritik. Die FAZ singt Miles Davis zum Hundertsten eine Hymne. Der Guardian tanzt in Margate durch die psychedelischen karibischen Landschaften von Hulda Guzman.

Ekstase, ist es das?

23.05.2026. Quo vadis, Kunst? Die Filmindustrie versucht sich auf die Verheißungen und Drohungen durch KI vorzubereiten, nimmt die Welt aus Cannes mit. Die FAS hört die Zukunft der Musik: Phonk, modulare Reizeinheiten für möglichst viele digitale Situationen. Die Welt bestaunt in der Londoner Zurbaran-Ausstellung ein Wunderwerk der Inwendigkeit. Die Theaterkritiker feiern im Hamburger Schauspielhaus das Stück der Stunde: Erich Kästners Weimarroman "Fabian", in der Adaption von Dušan David Pařízek.

Privat, ungeschützt, posenlos

22.05.2026. Emmanuel Marres Film "Notre Salut" über einen Opportunisten in der Vichy-Zeit hätte die Goldene Palme verdient, meint critic.de: Nur leider ist er nicht konsensfähig genug. Die taz findet in Dortmund Momente der Schönheit im Müll. Im VAN-Interview hofft die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, dass ukrainische Musik irgendwann ins Standardrepertoire deutscher Orchester gelangt. Und die FAZ beglückwünscht Norbert Gstrein zum Siegfried-Lenz-Preis, wünscht ihm aber andere Deuter.

Isoliert im eigenen Kopf

21.05.2026. Mit Andrei Swjaginzews "Minotaur" könnte ausgerechnet der Film eines Russen über den Ukraine-Krieg die Goldene Palme gewinnen, wundert sich der Tagesspiegel. Die FR sucht indes vergeblich Meisterwerke in Cannes. Die SZ huldigt in Warschau der Malerin und Frauenrechtlerin Maria Jarema, die in kubistischen Werken die Massenmorde der deutschen Besatzer verarbeitete. Darf Literatur auf KI zurückgreifen? Ja, denn wo ist der Unterschied zur Google-Recherche, fragt die Zeit. Außerdem applaudiert die Zeit dem Theater Magdeburg, das mit bis zu 90 Prozent Auslastung der AfD trotzt.

Endlose Anmut

20.05.2026. Die Filmkritik ist weiterhin aus dem Häuschen über Sandra Wollners Cannes-Film "Everytime": critic.de erklärt den Film bereits jetzt zum Meisterwerk des Festivals. Die Welt träumt dank AFF Architekten von brutalistischen Schulen. In Venedig tut die russische Kunst derzeit friedfertig, so monopol, in St. Petersburg dagegen feuert eine martialische Propagandaaustellung aus allen Rohren. Olga Tokarcuk erklärt der polnischen Website My Company, weshalb sie KI für ein nützliches Tool beim Schreiben hält. 

Das ist mindestens Futur II

19.05.2026. Zwischenbilanz in Cannes: Als Kritikerliebling lässt sich Ryusuke Hamaguchis "All of a Sudden" ausmachen, der dem Filmdienst nicht nur dank Fußmassagen-Orgien Glücksgefühle beschert. Sandra Wollners Trauer-Drama "Everytime" mit Birgit Minichmayr hätte im Wettbewerb laufen sollen, findet der Standard. Die taz findet beim Kunstfestival "Various others" in München Exiquisites, Queeres und "Subversion in zartrosé-greigem Pastell". Singen und tanzen reicht nicht als Qualifikation, ruft die FAZ verzweifelt angesichts der deutschen ESC-Kandidaten der letzten Jahre. 

Erfreulich lustig und sinnlos

18.05.2026. Erfreulich sinnlos ist der bulgarische ESC-Song "Bangaranga" der bulgarischen Sängerin Darina Yotova, freuen sich die Kritiker. Und selbst die Israelfreunde sind irgendwie froh, dass Israel nur auf den zweiten Platz kam. Die Kritiker genießen auch Olga Neuwirths Liquid-Gender-Veroperung von Virginia Woolfs "Orlando" in Berlin. Auf der Croisette ist die FR beeindruckt von László Nemes' Film über den Résistance-Chef Jean Moulin, den er noch auf klassischem Filmmaterial gedreht hat. Der Perlentaucher stellt die französische Autorin Catherine Guérard vor.

Menschliche Kopiermaschine

16.05.2026. Die Filmkritiker folgen Kôji Fukada in Cannes angetan in einen kleinen Ort an der japanischen Westküste. In der FAZ wehrt sich Steffen Martus gegen Maxim Billers Vorwürfe, dass in seiner Literaturgeschichte kaum jüdische Autoren vorkämen. Selbst das Schillern von frisch Erbrochenem in der Sonne kann verzaubern, wenn Marc Brandenburg zeichnet, staunt die SZ in der Berlinischen Galerie. In der nachtkritik verrät der designierte Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal, wie er dort künftig über das Ende der Demokratie nachdenken wird. In Wien schätzt man es ganz und gar nicht, wenn Ersan Mondtag aus Bizets indigenen Perlentauchern zeitgenössische Textilarbeiter macht, weiß die nachtkritik außerdem. 

Entspannt Richtung Abgrund

15.05.2026. In Cannes lief der stark erwartete Film "L'Abandon", der die Geschichte Samuel Patys erzählt - mit großer Genauigkeit, so Franceinfo. Die Filmkritiker applaudieren außerdem Paweł Pawlikowski, der die Manns durchs kriegszerstörte Deutschland reisen lässt. Die taz erklärt der propalästinensischen Protestszene nochmal den Unterschied zwischen der Teilnahme Israels und Russlands beim Eurovision Song Contest. Die FAZ bewundert in Nürnberg einmal mehr, wie Olaf Metzel Gewaltgeschichte in starke Formen verwandelt. Der Standard verabschiedet mit Valie Export eine Ikone der feministischen Avantgarde.

Im Grunde ist egal, was passiert

13.05.2026. Viele große Namen in Cannes - aber der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele, Pierre Salvadoris "La Vénus électrique" ist eine Pleite, findet die Zeit. Die stürzt sich außerdem mit dem neuen Ikkimel-Album "Poppstar" mit Volldampf in die Fotzenrap-Debatte. Die SZ verteidigt Maxim Biller nach dessen Zeit-Polemik: der Literaturwissenschaftler Steffen Martus habe tatsächlich einen blinden Fleck, wenn es um Texte jüdischer Autoren geht. Çağla Ilk, die neue Intendantin des Gorki-Theaters, stellt ihr Programm vor - viel Kunst, wenig klassische Bühnenstücke, lernt der Tagesspiegel