Einundzwanzig Autoren laden ein zu einem Spaziergang über die Kettenbrücke - und das berühmte Wahrzeichen Budapests wird zum Ausgangspunkt für eine Entdeckungsreise durch die ungarische Literatur der Gegenwart.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 13.10.1999
In einer Doppelrezension bespricht Katja Hübner zwei Anthologien ungarischer Gegenwartslyrik bzw. -prosa.
1) Gerhard Falkner/Orsolya Kalasz (Hrsg.): "Budapester Szenen" (DuMont Verlag)
Katja Hübner findet es bemerkenswert, wie in diesen Gedichten die Protagonisten "wie ein Pingpongball" zwischen zwei Welten hin- und herspringen: Da ist einerseits die ungarische Tradition mit Melancholie und Weltschmerz, zum anderen aber die schöne neue bunte Welt von Konsum und Karriere. Dabei stellt sie fest, dass sich in mancher Hinsicht sich gegenüber dem Sozialismus wenig verändert hat: "Vertrödeln wir einfach - wie gehabt - unsere Zeit", zitiert sie den Dichter Zolt Foragasi. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die jungen ungarischen Dichter offenbar wenig von ihren westlichen Kollegen: Sie hören die gleiche Musik, gehen in Clubs und nehmen auch Drogen. Aber immer wieder komme es durch, das Selbstmitleid, der "Gefallen an der Verzweiflung". Hübner verweist auf Endre Kukorelly, wenn sie dies als besonders typisch für die ungarische Lebenseinstellung bezeichnet.
2) Julianna Wernitzer (Hrsg.): "Kettenbrücke" (dtv)
An diesem Band gefällt Katja Hübner besonders, dass die Autoren hier die Möglichkeit hatten, sich als Personen mit kleinen Texten zunächst einmal selbst vorzustellen. Dies findet sie wesentlich aufschlussreicher als die sonst üblichen Kurzbiografien. Darüber hinaus ist sie von der Auswahl der Texte und auch der der Autoren sehr angetan. Man erhalte als Leser einen guten Überblick über den sprachlichen und thematischen Facettenreichtum ungarischer Autoren verschiedener Generationen: "Das ist es, was das Buch lesenswert macht", findet Hübner, der an diesem Band noch etwas anderes deutlich auffällt: Die stark im Vordergrund stehende "Auseinandersetzung mit dem Glück".
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