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01.09.2026. Monopol trifft in einer Ausstellung des Bildhauers Charles Ray in Kassel riesige Madonnen und sehr kleine Mädchen, die Welt sucht dort vergeblich den Skandal. Die FAZ fragt sich nach der Lektüre von Wolfgang RathertsKarajan-Biografie, ob der vielleicht doch mehr "Gesinnungsnazi" war als angenommen. Die Welt lässt sich bei Tanz im August von der Marseiller Balletttruppe "(La) Horde" und ihrem Stück "Nach mir die Sintflut" aus dem Sitz spülen. Der Schriftsteller Ingo Schulze ärgert sich im Freitag, dass ihn im "Gittersee"-Skandal niemand hat zu Wort kommen lassen.
Die Orgien-Skulptur, die auch in Kassel zu sehen ist, hat ihr Skandal-Potential über die Jahre wirklich eingebüßt, findet Hans-Joachim Müller in der Welt. Auch sonst scheint der Kritiker nicht so ganz genau zu wissen, was er mit den kühlen, weiß schimmernden Figuren anfangen soll: "Vielleicht müsste man es so sagen: Charles Rays nomadisierende bildhauerische Neugier ist an der banalen Bewegungsstudie gerade so interessiert wie an der erhabenen Figurenpose, am Wirklichkeitsabguss wie am Spiel mit antiken Vorbildern und immerzu oszillierend zwischen Alltag und Museum, Erfindung und klassischem Muster. Dort, im ästhetischen Niemandsland zwischen Kunst und Leben, schlüpft der Künstler einigermaßen elegant von einer Rolle in die andere."
Besprochen wird die Ausstellung "Helter Skelter. Arthur Jafa and Prince" in der Fondazione Prada in Venedig (taz) und die Ausstellung "Roy Lichtenstein" im Kunstmuseum Basel (NZZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!FAZ-Kritiker Clemens Haustein deutet WolfgangRatherts neue Karajan-Biografie auch als Antwort auf MichaelWolffsohns Anfang des Jahres veröffentlichtes Karajan-Buch, dessen Fazit - Karajan war Formalnazi, aber kein Gesinnungsnazi - einiges an Aufsehen erregte. Nach der Lektüre von Ratherts Buch und insbesondere der Passagen über Karajans Aachener Zeit in den Dreißigern stimmt man dem vielleicht nicht völlig unumwunden mehr zu, schreibt Haustein. So stellte Karajan sich "in der Aachener Volkszeitung als neuer Generalmusikdirektor vor mit einem langen Ankündigungstext, der nationalsozialistische Ideologien spiegelt." Unter anderem "fündig wird Rathert auch in den Konzertprogrammen jener Jahre, in denen eine ganze Reihe von zeitgenössischen Komponisten auftaucht, die im damaligen 'neuen Deutschland' als förderungswürdig angesehen wurden (vor allem wohl wegen ihrer linientreuen Haltung), deren Werke aber kaum Karajans Qualitätsvorstellungen genügt haben dürften. ... Falls Karajan mit der nationalsozialistischen Ideologie tatsächlich nichts anfangen konnte, wie Wolffsohn annimmt, würde doch erstaunen, wie viel Mimikry und künstlerische Selbstverleugnung Karajan auf sich zu nehmen bereit war. ... Karajan habe sich in einem Ausmaß in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie gestellt, das 'unpolitisch zu nennen nicht nur ein Euphemismus, sondern eine Verkennung der historischen Fakten ist'."
Außerdem: Stephanie Grimm resümiert in der taz das Berliner Pop-Kultur-Festival. Im Metal formiert sich eine feministischeStrömung, stellt Peter Pichler im Standard fest. In der FAZ gratuliert Edo Reents Bee Gee BarryGibb zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden das von GustavoDudamel dirigierte Klassikalbum "Life is a Dream" mit Kompositionen von AnthonyHopkins (Standard, mehr dazu bereits hier), eine von MarkusPoschner dirigierte Mahler-Aufnahme (NZZ), ein Konzert von MariaDueñas in Wiesbaden (FR), neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Lambchop (Standard), und das Debütalbum der auf Retro-Soul spezialisierten Womack Sisters (NZZ).
"Mich macht es bis heute fassungslos, wie viele über diesen 'Fall' geschrieben haben, und niemand von ihnen ist auf die Idee gekommen, mich anzurufen oder mir eine Mail zu schreiben und einfach mal nachzufragen", sagt der SchriftstellerIngoSchulze im Gespräch im Freitag, erneut angesprochen auf den "Gittersee"-Skandal vor einiger Zeit. Dass es hierbei auch um einen Konflikt zwischen Schriftstellergenerationen und dem Anspruch der literarischen Deutungshoheit über die DDR gehen könnte, wie der Schriftsteller LukasRietzschel das vermutet, stellt er in Abrede: "Die größten Diskrepanzen habe ich mit Gleichaltrigen - wir haben dieselbe Zeit und oft ganz ähnliche Dinge erlebt, beurteilen sie aber ganz verschieden. Aber das kann auch gar nicht anders sein. Und selbstverständlich interessieren mich die Erfahrungen der jüngeren - ob sie nun fünfzehn Jahre jünger sind oder dreißig - wie der älteren. Da gibt es schon Blickwinkel, diespezifischsind, Erfahrungen, die man vielleicht nur in diesem Alter machen konnte. Aber Altersgruppen sind ja keineswegs monolithisch."
Außerdem: Jette Wiese resümiert in der taz das Kurze-Texte-Festival, das im Berliner Brecht-Haus stattfand. Im Standardgratuliert Ronald Pohl der Schriftstellerin Marie-Thérèse Kerschbaumer zum 90. Geburtstag. Die Agenturen melden, dass der kroatische SchriftstellerSlobodanŠnajder gestorben ist. Besprochen werden unter anderem Iwan Heilbuts "Zugvögel" (Welt), Norbert Scheuers "Holunderholz" (FR), Elke Cremers "Heimgehen" (FR), Dana Vowinckels "Anton und Alma" (SZ) und Hans-Georg von Arburgs "Endlich Wohnen! Zuhause bleiben in der existenziellen Moderne ca. 1880 -1930" (FAZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Szene aus "Nach mir die Sintflut" beim Festival Tanz im August. Foto: Gaelle Astier-Perret. Ambivalent urteilt Manuel Brug in der Welt über das diesjährige Festival "Tanz im August": Er vermisst zuweilen Tiefgründigkeit und macht auch kein neues, "eigenwilliges Talent von morgen" aus. Gut unterhalten wird er aber schon, zum Beispiel vom Tanzstück "Après moi, le déluge" (Nach mir die Sintflut) von der Balletttruppe "(La) Horde" aus Marseille. Die "flirtet zu peitschend überlauten Techno-Beats mit dem angeblich auf die Marquise de Pompadour zurückgehenden, beißenden Bonmot. Die doch schon kommende Sintflut erweist sich als Erdbeben, das nach einem Auftakt vor einem sich leerenden virtuellen Zuschauerraum hinter einem transparenten Vorhang im sich wellenden Parkettboden ein Loch hinterlässt, durch das alle Partizipanten fallen. Da gibt es immer wieder, von hin- reißenden Kollektiv-Moves der fantastischen Truppe begleitet, Neuanfänge, Brüche, Querschläge, nicht nur im Boden. Man sieht mythischen Arrangements mit plötzlich Altgewordenen und sexy Quellnymphen zu, jeder bildet sich selbst mittels einer Kamera ab. Am Ende bevölkern seltsame Tiermenschen mit Pelzschweifen und Elefantenfüßen das offenbar verlassene Refugium. Das schließt sich niemals kausal, ist aber sehr schön anzusehen und reißt durch seine manipulative Musikauswahl samt mitreißendem Urban Dance ganz gehörig das Publikum aus den Sitzen."
Barrie Kosky wird wahrscheinlich neuer Intendant der Salzburger Festspiele, weiß Axel Brüggemann auf Backstage Classical. Klar, Kosky ist ein "Weltstar der Klassik", eigentlich der ideale Nachfolger, gibt der Kritiker zu. Aber sollte man die Intendanz vielleicht nicht komplett neu denken? "Warum nicht drei gleichberechtigte künstlerische Protagonisten für Oper, Schauspiel und Konzert, die nicht nur für ihre Sparten stehen, sondern im Idealfall auch mit vollkommen unterschiedlichen Ansätzen daherkommen? Und daneben eine starke geschäftsführende Leitung, die sich um das kümmert, was in den kommenden Jahren ohnehin zur Mammutaufgabe wird: den Umbau der Festspiele."
Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Hubert Spiegel dem Theatermacher und scheidenden Intendanten des Bochumer Schauspielhauses Johan Simons zum Achtzigsten. Besprochen werden die von Karsten Wiegand inszenierten Kurzopern "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" am Staatstheater Darmstadt (FR).
Mit viel Pomp hatte das Metropolitan Museum of Art in New York vor einem Monat angekündigt, 2027 eine große Ausstellung JohnGalliano zu widmen, der 2011 wegen wüster antisemitischer und rassistischer Äußerungen von Dior vor die Tür gesetzt wurde. Die Ausstellung wurde nun nach empörten Reaktionen eher kleinlaut wieder abgesagt. Es sollte nach sich häufenden Rehabilitationsversuchen in den letzten Jahren "offensichtlich die ultimative Reinwaschung" werden, ist Silke Wichert in der FAZ überzeugt - und wirft einen Blick hinter die Kulissen: "Es ist kein Geheimnis, dass AnnaWintour ein großer Unterstützer von Galliano als Designer ist und die Ausstellung sogar gern schon früher umgesetzt hätte. Sie dürfte auch den Deal mit Zara eingefädelt haben, für die John Galliano demnächst entwirft. Umgekehrt wurde erwartet, dass Zara beziehungsweise der Konzern Inditex als einer der Hauptsponsoren bei der nächsten Gala auftreten würde. Es ist erst recht kein Geheimnis, dass New York eine sehr starke jüdische Gemeinde hat, zu der auch viele Unterstützer des Museums zählen. War es schlicht naiv zu glauben, eine Ehrung Gallianos dieser Größe würde einfach so hingenommen? Oder totale Selbstüberschätzung auf Seiten von Anna Wintour, die gern ihren Willen durchsetzt, und ihn normalerweise auch bekommt?"
Bert Rebhandl schaut sich in der FAZ das sanft irritierende Hin-und-Her des Filmfestivals Venedig näher an, das die traditionelle Jurykonferenz wegen eines angeblichen Terminkonflikts zunächst abgesagt hatte, nach entsprechenden Nachfragen nun aber doch stattfinden lässt. Ob man einen Eklat wie auf der Berlinale vermeiden will? Die Aufnahme von "Naza" ins Programm, ein dem Ankündigungstext nach zu schließen äußerstpro-palästinensischerFilm, lässt das zumindest vermuten. "In Venedig, wo 2028 über die Nachfolge für den langjährigen Direktor AlbertoBarbera entschieden werden soll, geht es auch um politischeHegemonien: Die Regierung Meloni versucht, ihre Netzwerke in den Institutionen des Landes so zu verfestigen, dass sie womöglich auch eine Wahlniederlage 2027 überleben. Barbera muss also vorsichtig navigieren, der Druck von der linken Palästina-Solidarität ist groß, der von rechts nicht minder."
Weitere Artikel: Dass Kritiker ChristopherNolans "Odyssee" mangelnde Werktreue vorwerfen, verfehlt den Punkt, meint Sarah Pines in der NZZ: Archetypische Stoffe zeichne es gerade aus, dass sie von der Gegenwart immer wieder neu interpretiert werden. Und ganz viel Lesestoff für die nächsten Tage: Das Team von critic.de - darunter einige, die Sie auch von den Kinokritiken im Perlentaucher kennen - resümiert das Frankfurter FilmfestivalTerzaVisione, bei dem ausgesuchte Raritäten des italienischenGenrekinos von 35mm-Kopien projiziert wurden.
Besprochen werden KaiStänickes Regiedebüt "Der Heimatlose" (taz), FarazShariats Justizthriller "Staatsschutz" (SZ, unsere Kritik) und die ARD-Serie "Selling Sex" (NZZ).
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