Im Kino

Die Tränen der Monster

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
08.10.2026. Ein koreanisches Kaff wird von mysteriösen humanoiden Wesen heimgesucht, ein Polizist nimmt den Kampf auf. So weit so geradlinig - aber unter seiner rasanten Oberfläche ist Na Hong-jins Actionfilm "Hope" ziemlich wahnwitzig und überkandidelt.

In Na Hong-jins neuem Film "Hope" wird das südkoreanische Kaff Hope Harbor von einem Monster heimgesucht. Ein Bild des Monsters können wir uns zuerst nur durch die Verwüstungen machen, die es hinterlässt, durch zerstörte Gebäude und verstümmelte Leichen(reste). Etwas später wird es zum Schemen in der Ferne oder in der Dunkelheit. Tritt es schließlich groß in den Film, bewegt es sich so schnell, dass Details nicht richtig auszumachen sind. Erst als es in die Enge getrieben ist, schaut der Film eingehend in das Gesicht des Monsters, in dem es herzzerreißende Augen findet.

Schließlich werden seine Tränen vom Wind mitgerissen und stehen vor uns in der Luft - fast wie in einem 3D-Film -, während die Zeitlupe die Bewegung fast anzuhalten scheint. Lange sind diese geradezu kitschig inszenierten Tränen der einzige deutliche Hinweis darauf, dass der Cannes-Wettbewerbsbeitrag "Hope" mehr ist als ein geradliniger Actionklopper, in dem eine Handvoll Menschen gegen einen übermächtigen Peiniger kämpfen. Nur hier zeigt sich zunächst, wie wahnwitzig und überkandidelt diese verkappte Oper ist.

Strukturell betrachtet besteht "Hope" aus drei klar voneinander abgehobenen Teilen. Nach einer knappen Exposition (Wer oder was hat diese Kuh so zugerichtet?) befinden wir uns umgehend im Ausnahmezustand. Als Polizeivorsteher Bum-seok (Hwang Jung-min) vom Feld nach Hope Harbor zurückkehrt, findet er sich unversehens in der Postapokalypse wieder: unbelebte Straßen voller Schutt und Leichen, riesige Löcher prangen in den Ruinen der kurz zuvor noch unberührten Häuser. Es folgt die beschriebene Annäherung an das Monster als ein atemloses Dahinjagen - Bum-seok rennt und rennt, mal auf der Suche nach dem Epizentrum des Chaos, mal auf der Flucht vor diesem.


Es folgt ein atmosphärischer Mittelteil, in dem die Gefahr gebannt scheint und in dem die Komik des Films stärker zum Tragen kommt. Auch sonst stellt "Hope" den nackten Überlebenskampf nicht nur als Horror dar, sondern auch als eine makabre Absurdität, der man letztlich nur mit einem Lachen begegnen kann. Im Mittelteil kommen dann noch unfähige Mitarbeiter hinzu, krude Hinterwälder und ein lang ausgebreiteter Erfahrungsbericht, der beschreibt, wie es ist, mit Durchfall im Wald zu hocken, wenn plötzlich Monster vor einem auftauchen: Im Angesicht der Gefahr ist der Kampf mit dem eigenen Schließmuskel entscheidend, um nicht durch Geräusche auszufallen.

Der Film zeigt eine albtraumhafte Version der größtmöglichen Katastrophe, die in einem südkoreanischen Film möglich ist: dass der innerkoreanische Krieg ausgebrochen ist und Nordkorea mir nichts, dir nichts alles überrannt hat. Und doch erdet die Komik den Horror und vertreibt eine zu grüblerische Atmosphäre. Die Figuren suchen derweil nach Ordnung, versuchen die Ereignisse zu verarbeiten, finden aber auch Anzeichen dafür, dass der bisherige Schrecken nur der Auftakt war. Der Film positioniert sein Personal für den letzten Teil, in dem er noch einmal so richtig drauflos prischt. Dieses Mal im Wald, in dem eine ganze Monsterfamilie wohnt und alsbald andauernd gerannt, geschossen, geflüchtet und so weiter wird.

Die Actionszenen weisen Na Hong-jin als einen Meister seines Fachs aus. Die Kamera umkreist das Geschehen, schnellt auf es zu, wird von ihm abgehängt. Die Inszenierung kitzelt ständig Adrenalin, Komik und Schönheit heraus. Ihr entscheidendes Merkmal ist die Distanz, die sie mal ein wenig, mal entschieden sucht. Weite Teil des Films sind mit einem Weitwinkelobjektiv gedreht, das nicht einfach nur die Action einfängt, sondern sie als einen organischen Teil der Welt zeigt. Enge Straßenschluchten evozieren die weitläufige Stadt, der begrenzte Raum zwischen Baumstämmen den weiten Wald. Die Action und die Bilder sind immer klar, übersichtlich, verständlich. Überhaupt ist alles simpel in diesem Film - alles außer den Monstern.


Eben das ist der Kern von "Hope". Der Film scheint komplett auf den rasanten Überlebenskampf der menschlichen Figuren zugeschnitten zu sein - aber eben diese vermeintliche Einfachheit ist eine Finte. Die oben erwähnten Tränen sind dabei wichtige Indizien. Ebenso wie der Umstand, dass Bum-seok wiederholt erst schießt und dann Fragen stellt. Oder das irritierend unansehnliche Figurendesign der Monster: Sie haben humanoide Körper, die von offenen Wunden, Entstellungen und Mutationen durchfurcht zu sein scheinen, ihre Gesichter aber sind menschlich, weich, empfindsam. Ein bisschen sehen sie wie eine krude Mischung aus einem niedlichen Hayao-Miyazaki-Waldwesen und einer Hellraiser-Twilight-Zone-Monstrosität aus. 

Auf der einen Seite ist "Hope" ein frustrierender, zermürbender Film, in dem immer und immer wieder Leute mit Schnellfeuerwaffen auf Monster schießen, auch wenn die Schüsse kaum Wirkung zeigen. Was aber sollen sie anderes machen, wenn sie weiterhin am Leben bleiben wollen? Auf der anderen Seite wird spätestens im Wald klar, dass etwas abläuft, das die begrenzte Perspektive der drei, vier Hauptfiguren übersteigt. Offensichtlich ist es nicht immer eine gute Idee, erst zu schießen und dann Fragen zu stellen. Im Finale schließlich wird das gesamte Geschehen umgedeutet und es fallen haarsträubende Sätze wie: "Glaube ist der Beweis, dass es mehr gibt, als das, was wir sehen."

Am Ende ist vieles unklar. Was wirklich los war, was Na Hong-jin von uns will, warum er nun bereits den dritten Film in Folge gedreht hat, der genau 156 Minuten lang ist; und auch: ob "Hope" ein guter Film ist. Aber eben das ist vielleicht seine größte Qualität - er traut sich, aufregend und eigenwillig zu sein. Vor allem ist der Film viel besser als jede Fortsetzung, die man sich von ihm vorstellen könnte und die kaum umhin könnte, Erklärungen nachzuliefern.

Robert Wagner

Hope - Südkorea 2026 - OT: Hopeu - Regie: Na Hong-jin - Darsteller: Hwang Jung-min, Zo In-sung, Jung Ho-yeon, Taylor Russell - Laufzeit: 156 Minuten.
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